Heil dir, Markus, Retter des Abendlandes! Der Kreuzaufhänger Söder will nicht Propaganda für das Christentum machen, sondern die "kulturelle Identität christlich-abendländischer Prägung" ehren. Für den bayerischen Landeschef ist das Kreuz kein Kreuz, also das Symbol des Christentums. Es stehe für unsere gesamte "kulturelle Identität".

Leider kann das Kreuz diese Last nicht tragen, weil die Evangelien nicht identisch sind mit der westlichen Kultur. Was müsste noch dazu, um das Beste vom Westen zu plakatieren? Dafür reicht der schmale Eingangsbereich eines Bürgerbüros nicht aus. Mindestens die Lobby der Bayerischen Staatskanzlei muss her. Hier ein paar Ideen.

Der Westen ist Jerusalem, Athen und Rom. Jerusalem steht für Monotheismus, also gehört die hebräische Bibel in die Ausstellung, das zentrale Narrativ von der Schöpfung bis zum Exodus. Athen ist die Wiege unserer Kultur: Mathematik und Naturwissenschaft, Philosophie (Platon und Aristoteles), Literatur (Homer bis Sophokles). Die kriegen alle eine Büste in der Kanzlei. Ein Modell der Akropolis muss auch in die Halle; sie hat unsere Architektur (Klassizismus) bis heute geformt.

Rom: Latein hat Europas Sprachen von Englisch bis Rumänisch gezeugt; das würde ein Video-Philologe zeigen. Die Verfassungs-Republik entstand hier, dito das römische Recht als Wurzel des europäischen. Auch die doppelte Staatsbürgerschaft ist römisch. Ohne Rom kein Christentum, das sich von dort über die Welt ausgebreitet hat.

Söder müsste auch drei große Rs aufhängen. Eines für "Renaissance", die den Menschen, nicht Gott ins Zentrum des Universums stellte. Ein zweites für "Reformation". Die hat den Einzelnen – jeder sein eigener Priester – vom Monopol des Klerus befreit. Ein drittes R für "Revolution" – die Idee, dass die Unterdrückten den Machthabern ihre Rechte abtrotzen können. Leider gehört hier noch ein T dazu: für Terror und Totalitarismus, ebenfalls europäische Errungenschaften. Zum Westen gehört folglich die Erinnerung an die historische Schuld vom Imperialismus bis zum Völkermord.

Die liberale Demokratie kriegt einen Extratisch. Hier darf der Besucher die Federalist Papers begutachten, die Bibel des machtbegrenzten Staates. Dazu die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Dann all die westlichen Verfassungen, welche die unveräußerlichen Rechte des Einzelnen in Beton gießen, die Gewaltenteilung sowie die Glaubensfreiheit zementieren. Zu der gehört nicht nur die Freiheit für Religion, sondern auch von Religion – die Trennung von Kirche und Staat.

An den Wänden müssten die Porträts von Shakespeare und Goethe, Newton und Einstein, Bach und Mozart, Giotto und Picasso, Bonhoeffer und Martin Luther King hängen – im Wechsel mit Dutzenden anderen. Bevor der Besucher das Büro des Landesvaters betritt, hätte er einen Schnellkurs in unserer "kulturellen Identität" durchlaufen. Als Belohnung kriegt er ein Bier, das Symbol des Bajuwarentums.

Dergestalt ermutigt, wird er dem Söder Markus berichten, was er alles gelernt hat. Ja, das Kreuz gehört dazu, aber keinesfalls allein. Wenn Söder seinem Land Gutes tun will, soll er überall kleine Statuen der Bavaria aufstellen, des säkularen Pendants zu Maria als Beschützerin des Freistaates. Der Bavaria können alle huldigen. Sie steht für die Liberalitas Bavarica.