Die Österreichische Nationalbibliothek feiert in diesem Jahr ihr 650-jähriges Bestehen. Jeden Monat stellen wir in dieser Serie ein Objekt aus ihrer Sammlung vor.

Nun, da gerade die Grill- und Gartensaison wieder eröffnet wurde, freut sich im städtischen Raum besonders eine Gruppe: die Bewohner eines schmucken Dachausbaus mit Terrasse. Seit den neunziger Jahren schießen die Aufstockungen in Wien gen Himmel, mehrere Hundert werden jährlich neu genehmigt – doch eine neuere Zeitgeisterscheinung sind die mondänen Privatflächen mit Blick ins Blaue trotzdem nicht.

Schon im Sommer 1791 ließ der damals 23-jährige Habsburger Franz II. – der zu diesem Zeitpunkt noch Erzherzog war und ein Jahr später zum letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gekrönt werden sollte – das Dach des heute nicht mehr existierenden Neuen Augustinergangs der Hofburg zu einer vornehmen Terrassenlandschaft umbauen. Auf dem Verbindungstrakt zwischen der Augustinerkirche und den kaiserlichen Wohnräumen entstanden ein kleiner Garten mit Hochbeeten, Vogelkäfig und Gewächshaus, in dem der Kaiser höchstpersönlich werkelte.

Auch darin unterschied sich Franz II., der als Franz I. im Jahr 1804 zum ersten Kaiser von Österreich wurde, wenig von heutigen Garten- und Terrassenbesitzern: Das Jäten, Setzen und Gießen war dem "Blumenkaiser", wie er später genannt wurde, oft lieber als die Mühen der Weltpolitik.

Schon bald beschäftigte der Monarch in den Dutzenden Grünanlagen und Treibhäusern, die er anlegen ließ, nicht nur Gärtner und Botaniker. Er stellte einen eigenen Maler ein, der den kaiserlichen Pflanzenschatz festhalten sollte. Dreißig Jahre lang zeichnete und illustrierte Matthias Schmutzer als offizieller Hofbotanikmaler Zier- und Nutzpflanzen, gewöhnliche Gewächse und paradiesische Raritäten.

Über den Maler Schmutzer ist nahezu nichts bekannt, seine Bilder hingegen erzählen vieles über die Gartentrends seiner Zeit. Mehr als 1.300 Aquarelle landeten als Florilegium A in der kaiserlichen Privatbibliothek: farbenreiche, botanisch nicht immer ganz exakte, dafür umso anregendere Darstellungen von Pflanzenarten aus aller Welt. Sein Arbeitgeber, der Kaiser, ließ in seinen Gartenanlagen schließlich nicht nur damals bekannte, heimische Sorten wie Pelargonien, Lilien oder Rhododendren züchten, sondern sandte Expeditionen bis nach Brasilien, um exotische Exemplare nach Wien zu bringen.

Exotisch war auch das zweite Feld, in dem der Hofpflanzenmaler in kaiserlichem Auftrag Skizzen fertigte und dann auf großformatigen Papierbögen mit Aquarellfarbe kolorierte: Schmutzer zeichnete Kängurus, Kamele und Königstiger, Elefanten, Eisbären, Leoparden und zahlreiches anderes Getier aus fernen Welten, allesamt Publikumslieblinge im kaiserlichen Tiergarten in Schönbrunn. Dazu gehört auch das Aquarell des Bengalischen Tigers aus der Menagerie, das nun anlässlich des 650-Jahr-Jubiläums der Nationalbibliothek im Original zu sehen ist.

Begonnen hat Schmutzer die farbenreiche Dokumentation der höfischen Tierwelt aber mit den Vögeln auf Kaisers Terrassenreich – und mit Porträts der beiden kaiserlichen Schoßhündchen, die die Namen "Schneckel" und "Medresel" trugen.

Während der Hofmaler die Pflanzen fast immer auf neutralem Hintergrund zeichnete, ließ er seiner Fantasie bei der Fauna freien Lauf. Als wären es Fabelwesen, platzierte er das Getier oft vor einen freilich völlig unpassenden, dafür umso suggestiver wirkenden Hintergrund. Das Känguru-Pärchen zum Beispiel, das der König von England dem österreichischen Monarchen geschenkt hatte, stellte Schmutzer mitten in eine italienisch wirkende Küstengegend mit Campanile und romanischem Rundbau.

Als der erste Hofbotanikmaler Matthias Schmutzer 1824 starb, wurde Johann Jebmayr als sein Nachfolger bestellt. Der Sohn eines Kutschers pflegte einen weniger dekorativen Stil als sein Vorgänger – aus wissenschaftlicher Sicht galten die äußerst detaillierten Aquarelle seines Florilegium B aber schon zu Lebzeiten als besonders wertvoll.

Bezahlt hatte Kaiser Franz seine botanische Passion weitgehend aus seiner Privatschatulle. Akribisch hielt er die immensen Summen für Zwiebeln, Samen und Setzlinge, Gärtner, Züchter und Pflanzenmaler in einem kleinen Notizbuch fest, das den Titel Handbüchel über Meine Ausgaben trug.

Während im Reich des kaiserlichen Gartenfreundes der Kampf gegen Napoleon und das revolutionäre Frankreich tobte, tauchte der Monarch immer mehr in seine botanischen Refugien ab. Vor allem ab 1809 überließ er die Fäden der Realpolitik zunehmend seinem Außenminister und späteren Kanzler Metternich – derweil mehrten sich im Volk die Geschichten über den "gartelnden" Kaiser, der, ganz in Zivil gekleidet, mit Schweißperlen auf der Stirn und dreckstarrenden Händen, von Passanten für einen simplen Gärtner gehalten wurde.

Angereichert wurden diese Legenden auch vom Schriftsteller Josef Pfundheller in seinem 1891 erschienenen Werk Der Blumenkaiser. An einem Gerücht, das sich hartnäckig hält, trägt Pfundheller allerdings keine Schuld: Kaiser Franz hat, anders als es heute immer wieder zu hören ist, nie eine Gärtnerlehre absolviert.

Das originale Aquarell des bengalischen Tigers ist bis Ende Mai im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek zu sehen. Am 15. Mai findet ein Vortrag über die Werke des Hofbotanikmalers statt.