So langweilig wie möglich versucht Tristan Harris sein Smartphone zu machen. Die Anzeige ist nicht bunt, sondern schwarz-weiß. Auf dem Start-Bildschirm sind nur die notwendigsten Apps zu sehen. Und Harris hat allen Anwendungen verboten, dass sie ihn mit piepsenden, vibrierenden Mitteilungen nerven. Nur Nachrichten von echten Menschen dürfen um seine Aufmerksamkeit buhlen, zum Beispiel eine SMS.

Mit dieser Smartphone-Askese will sich Harris persönlich abschirmen gegen die unzähligen technischen Ablenkungen in seinem Alltag. Seine Mission aber sieht Harris, ein ehemaliger Google-Mitarbeiter, im Kampf gegen den Aufmerksamkeitsdiebstahl durch die großen Silicon-Valley-Firmen in unser aller Alltag. Dafür hat er im Kernland der digitalen Revolution zusammen mit anderen Abtrünnigen das CHT gegründet, das Center for Humane Technology ("Zentrum für humane Technologie"). Lassen sich Google, Facebook und Co. menschlicher gestalten?

Harris arbeitete als Produktmanager bei Google, als ihm die ständige Ablenkung durch die flimmernden Bildschirme zu viel wurde. Im Jahr 2013 schrieb er ein Memo ("Ein Aufruf, die Ablenkung zu minimieren und die Nutzer zu respektieren") und schickte es an zehn Kollegen. Es zog in der Firma immer weitere Kreise, Google beförderte den Autor und schmückte ihn mit dem Fantasietitel "Design-Ethiker" – eine Art angestelltes Gewissen. Aber nach drei Jahren in dieser Position fühlte sich Harris als Feigenblatt und stieg aus.

Er ist nicht der Einzige, der seine frühere Arbeit bei den großen Tech-Firmen heute kritisch sieht. Auch Justin Rosenstein gehört dazu, der Erfinder des "Like"-Buttons von Facebook. Gedacht war der einst als harmloses Mittel, um in dem sozialen Netzwerk Zustimmung auszudrücken. Geworden ist daraus ein Instrument, das die Menschen süchtig nach Bestätigung gemacht hat. Ist doch die Zahl der Likes unter einem eigenen Beitrag längst zu einer sozialen Währung geworden, einem Ausdruck von Status. Ein dritter Aussteiger, Loren Brichter, hat bei Twitter die Runterzieh-Funktion ("pull to refresh") erfunden: Man aktualisiert seinen Nachrichten-Feed, indem man die Seite auf dem Handy kurz nach unten zieht und wieder loslässt. Brichter hatte einfach keinen Platz mehr für einen weiteren Knopf in der App – und ersann daher eine digitale Version des einarmigen Banditen. So wie der Spielsüchtige am Hebel zieht, um endlich den Hauptgewinn einzufahren, hofft der Twitterer auf den Glücks-Kick durch neue Posts.

Dass die sozialen Netze kritisiert werden, ist nicht neu – aber jetzt kommt die Kritik von denen, die am Aufstieg dieser Firmen beteiligt waren und ihre Mechanismen genau kennen.

Dazu gehören der ehemalige Facebook-Präsident Sean Parker und der Risikokapital-Geber Roger McNamee, der mit Google und Facebook viel Geld verdient hat. "Die Leute, die Facebook und Google regieren, sind gute Leute, deren gut gemeinte Strategien unbeabsichtigt zu schrecklichen Konsequenzen geführt haben", sagte McNamee dem britischen Guardian. Er arbeitet nun bei Tristan Harris’ Center for Humane Technology mit. All diese Silicon-Valley-Aussteiger sind sich einig: Das soziale Netz braucht dringend Regeln!

Im Februar veranstaltete das CHT zusammen mit der Organisation Common Sense Media, die sich dem Schutz von Kindern in der digitalen Welt verschrieben hat, eine Konferenz in Washington, um ins Gespräch zu kommen mit Politikern, Gesundheitsfachleuten und Industrievertretern. Tristan Harris, der Mann, der sein Smartphone auf Schwarz-Weiß gestellt hat, klagte dort: "Sobald wir morgens aufwachen und unser Telefon checken, leben wir in einer digitalen Stadt, die von Apple und Google entworfen wurde. Diese Stadt ist völlig unreguliert, wie im Wilden Westen, und darauf optimiert, dass die App-Entwickler mit dir machen können, was sie wollen." Die Konferenz trug den Titel "Truth About Tech", "Die Wahrheit über Technologie". Und zu dieser Wahrheit gehört, dass im Netz die Hirne der Nutzer gekapert werden.