Es ist gar nicht so einfach, mit Michael Marcovici Schritt zu halten. Der schlaksige Mann mit dem Dreitagebart und dem schwarzen T-Shirt, dem man seine fast 50 Lebensjahre nicht ansieht, geht mit schnellen Schritten über den Damm eines Wasserkraftwerks im ländlichen Niederösterreich. In Richtung einer kleinen Halle, aus der einem das Geräusch von Hunderten Computerprozessoren entgegendröhnt. "Bevor wir die Lüftung eingebaut haben, hatte es in der Halle 55 Grad", sagt Marcovici. Jetzt könne man noch mehr Prozessoren aufstellen, ein weiterer Standort sei ohnehin in Planung. Wenn Marcovici von den Ausbauplänen erzählt, beginnen seine Augen zu leuchten. Er kann sich jetzt schon ausmalen, wie das alles einmal aussehen soll.

Michael Marcovici ist in seinem Leben schon vieles gewesen. Künstler, Investor, Magazin-Herausgeber. Er hat erfolgreich mit Gabelstaplern, Internetadressen und Börsennachrichten gehandelt. Jetzt arbeitet er in einer Branche, die umstritten ist, in der aber viele das Potenzial sehen, das eine Revolution auslösen kann. Marcovici ist Co-Geschäftsführer bei dem Unternehmen Hydrominer, das mit der Energie aus Wasserkraftwerken Kryptowährungen schürft, auch die bekannten Bitcoins.

Kryptowährungen sind Zahlungsmittel, die nur virtuell existieren. Die Branche ist ein mächtiger Wirtschaftsfaktor geworden. In den fünf größten imaginären Währungen stecken knapp 250 Milliarden Dollar an Kapital. Was bei diesem Geldhandel vor sich geht, kontrolliert keine Zentralbank. Die für Transaktionen notwendige Vertrauensbasis ist in einem Netzwerk sichergestellt. Einzelne Teilnehmer stellen Rechenleistung zur Verfügung und werden dafür mit einem kleinen Betrag der entsprechenden Währung belohnt. Dieses Verfahren nennt man "Mining". Das ist, was Hydrominer macht. Es ist potenziell lukrativ, frisst aber viel Energie. 2018 könnte Krypto-Mining 140 Terawattstunden Strom verbrauchen, ungefähr so viel wie Argentinien in einem Jahr. Deshalb stehen Mining-Rechenzentren oft in Ländern wie China oder Island, wo Strom günstig erhältlich ist.

Oder eben in Niederösterreich, am Ende eines kleinen Dorfs in Hanglage. Die Ybbs fließt hier durch ein kleines Tal, links und rechts ist der Fluss von flach ansteigenden Wiesen und Feldern gesäumt, die in kleine Siedlungen voller Einfamilienhäuser übergehen. Die Ybbs hat ein starkes Gefälle und ist deshalb für Stromerzeugung beliebt, alle paar Kilometer zwängt sich der Fluss durch ein Kleinkraftwerk. Hier hat sich die Firma Hydrominer eingemietet. Es ist einer von zwei Standorten. Wo genau die sind, wollen die Betreiber aus Angst vor Einbrüchen nicht öffentlich machen.

2018 könnte Krypto-Mining 140 Terawattstunden Strom verbrauchen, ungefähr so viel wie Argentinien in einem Jahr.

Hydrominer besteht aus einem Team rund um die Schwestern Nadine und Nicole Damblon. Vor zwei Jahren schürften die beiden Frauen noch Kryptowährungen an den Computern in ihren Wohnungen. "Wir haben überlegt, welche Energieformen wir nutzen können", erzählt Marcovici. Wasserkraft sei nahe liegend gewesen. Sie sei umweltfreundlich, billig, und in Österreich gebe es genug davon. Im vergangenen Herbst sammelte Hydrominer via einer speziellen Form von Crowdfunding 3,2 Millionen Euro ein und finanzierte damit das Kraftwerk und die Rechner.

Die Geschichte von Michael Marcovici und den digitalen Währungen beginnt mit einer dummen Entscheidung: 2011 besucht er ein Kryptotreffen in Prag. Am Ende bekommen alle Teilnehmer 70 Bitcoins geschenkt. "Ich hab die sofort gelöscht, die waren quasi wertlos", sagt Marcovici. Im Dezember vergangenen Jahres hätte er sie für mehr als eine Million Dollar verkaufen können. Marcovici kann darüber lachen. Verlust gehört eben zum Geschäft.

Wie man mit seinem eigenen Unternehmen Geld verdient, lernt Marcovici bereits als Kind. Er wird 1969 in Wien geboren. Die Eltern sind Geschäftsleute und investieren ihr Geld unter anderem in Supermärkte. Marcovici lernt, Risiken einzugehen und Chancen zu nutzen. Das Geld, das er bei seiner Bar Mizwa bekommt, investiert er an der Börse, er gründet mit 17 Jahren den ersten österreichischen Börsenbrief, ein Heft mit Kaufempfehlungen für Wertpapiere. Fünf Jahre später verkauft er ihn und kann vom Erlös einige Berge auf der ganzen Welt besteigen. Klettern ist bis heute sein Hobby, das Einzige, wofür er sich neben dem Geschäft, der Kunst und seinen zwei Kindern Zeit nimmt.

Mitte der neunziger Jahre kehrt Marcovici nach Österreich zurück, gründet Magazine für Technik und Streetwear und verkauft sie wieder. Als er in seinem Büro vor einem überschüssigen Haufen geschenkter Ware steht, aber kein Modemagazin mehr hat, beginnt er, sie auf eBay zu verkaufen. Vier Jahre später hat er 50 Mitarbeiter, macht 25 Millionen Euro Umsatz und ist Europas größter eBay-Händler.