Man muss wissen, dass eines der bedeutendsten Museen des Landes, das riesige Militärhistorische Museum in Dresden, hoch über der Stadt gelegen, aufregend schön ist. Ein gewaltiger gläserner Keil von Daniel Libeskind zerschneidet den Bau aus dem 19. Jahrhundert seit 2011 in zwei Hälften, und das Kaputte und Zerstörte passt natürlich zur Präsentation deutscher Militärgeschichte, die aus guten Gründen mit Heroischem fremdelt. Man findet in dem Museum trotzdem Dinge, die Militaria-Herzen höher schlagen lassen: allerlei Panzer, die alte Steinbüchse Faule Magd, eine Flut an Hand- und Faustfeuerwaffen und so weiter. Als Gegengift werden oftmals spektakuläre Sonderausstellungen gezeigt, die sich besonders kritisch mit der deutschen Militärgeschichte und der Bundeswehr befassen, was natürlich nicht jedem Angehörigen der Bundeswehr passt, aber ja auch nicht passen muss. Die Mischung aus störrischer Heimatliebe und großstädtischer Toleranz ist ohnehin eine Dresdener Spezialität, und so schrecklich, wie immer getan wird, ist das auch wieder nicht.

Nun muss man aber auch wissen, dass die neueste Ausstellung, die am Donnerstag vergangener Woche mit erheblicher Verspätung eröffnet wurde, das Museum in eine irrsinnige Krise gestürzt hat. Sie war im vergangenen Sommer von dem neuen Museumsdirektor Armin Wagner wenige Wochen vor der geplanten Eröffnung abgesetzt worden, und der Kurator und wissenschaftliche Leiter des Hauses Gorch Pieken wurde kurzerhand nach Berlin versetzt. Die Ausstellung sollte, behaupten manche Beteiligte, sogar ganz ausfallen.

Ihr Titel lautet: Gewalt und Geschlecht. Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden? Sie handelt also, modisch gesagt, von Gender beim Militär. Es gab Berichte, wonach diese Ausstellung samt ihrem herausfordernden Theorie-Überbau (Diversity, strukturelle Gewalt, Heteronormativität und so weiter) bei einem Teil der Militärs auf lebhaften Widerstand gestoßen war, schließlich aber auch sehr lebhafte Unterstützer im Verteidigungsministerium hatte, sodass sie nun doch gezeigt wird. Und sei es nur, weil ein Rückbau den Skandal noch ein gutes Stück skandalöser gemacht hätte. Egal – so oder so ein für die Bundeswehr an Peinlichkeit nur schwer zu überbietender Vorgang, der am Eröffnungstag, wie leicht einzusehen ist, von Freund und Feind elegant überspielt werden musste.

Um zwölf Uhr war die Pressekonferenz angesetzt. An diesem sonnigen Frühlingstag zeigten sich im Foyer des Museums der Museumsdirektor Oberstleutnant Armin Wagner, der die Ausstellung zunächst abgesetzt hatte; der verbannte Kurator Gorch Pieken, der zur feierlichen Präsentation wieder herbeigeholt worden war; und der Hamburger Kapitän zur See Jörg Hillmann, Mitte fünfzig, der in seiner Marineuniform ganz besonders formvollendet aussah, der auffällig dem jungen Helmut Schmidt ähnelt und dem es, das war offenkundig auch seine Aufgabe, durch hanseatisch-ironische Weltläufigkeit für Momente gelang, den Bundeswehr-Gender-Querelen in Dresden den Anschein harmloser Beiläufigkeit zu verleihen: Jede Ausstellung, so der Kapitän von der übergeordneten Dienststelle, lebe von der Diskussion und der Provokation, er sei stolz auf den Kurator und auf den Direktor des Museums, es käme (hier funkelten seine Augen) immer auf Transparenz an. Das Museum werde auch in Zukunft nicht in eine statische Waffenschau verwandelt werden.

Der Hausherr, Offizier Armin Wagner, von eher stämmiger Statur, um die fünfzig, sagte auf sympathische Weise nuschelnd, das Verhältnis von Mann und Frau sei eine Frage, die sowohl die Bundeswehr im Besonderen als auch die Gesellschaft als Ganzes betreffe. Man habe es mit diesem Thema ja überall im Alltag zu tun. Umberto Eco habe in seiner Nachschrift zu seinem Roman Der Name der Rose angemerkt, der Autor kommentiere sein Werk nicht, sondern das Publikum habe sich sein eigenes Bild zu machen. Insofern wolle er nicht ins Detail gehen, er lade ein, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen.

Kurator Pieken, der einzige Zivilist der Runde, die Haare zum puristischen Zopf gebunden, von schlanker, androgyner Galeristen-Eleganz, sagte, es gehe in der Ausstellung darum, Stereotype aufzubrechen, und darum, die strukturelle Gewalt, die Frauen zu erleiden hätten, sichtbar zu machen. Auch konkrete, sexualisierte Gewalt in der Bundeswehr sei ein Thema. Wie auch Karrierehemmnisse von Frauen beim Militär: Noch immer halte sich das Gerücht, sie könnten nicht so gut kämpfen. Spätestens seit es Schusswaffen gebe, sagte Pieken, sei die Muskelkraft beim Kämpfen aber doch nicht kriegsentscheidend. Weiblichkeit sei kein Gegenbegriff zum Soldatischen.

Die Ausstellung selbst war dann ganz und gar wunderbar. Über 2.000 Quadratmeter! Sie quillt über vor Exponaten, Querverweisen, Aspekten, ohne den Fehler zu begehen, eine bestimmte Lesart vorzuschreiben. Das Chaos hat Prinzip: Das Bild von der naturgegebenen Friedfertigkeit der Frau wird durch die Vorstellung sogenannter Cross-Dresserinnen, die in Männerkleidung über Jahrhunderte hinweg mit größter Begeisterung am Krieg teilnahmen, genauso infrage gestellt wie eine naturgegebene Brutalität von Männern. So werden auch bestialische Ermordungen von notgelandeten Fliegern der Alliierten rekonstruiert, die in den letzten Kriegsmonaten von deutschen Frauen auf Feldern gesteinigt oder anderweitig gelyncht wurden. Auch eine wenig bekannte Ungeheuerlichkeit wird thematisiert: Nach der Wiedervereinigung wurden weibliche Armeeangehörige der DDR entlassen und weibliche Kasernennamen durch männliche ersetzt. Erst seit 2001 sind in der Bundeswehr Frauen in allen Bereichen zugelassen. Im Sozialismus war man in Geschlechterfragen eben längst weiter, nicht nur im militärischen Bereich, auch wenn das immer bestritten wird.