Das Fernweh als treibende Kraft der fortschrittsgläubigen Moderne taucht als Thema in mehreren der dreizehn Abteilungen der Ausstellung Hello World im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin auf. Gezeigt werden Künstler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die, wie Emil Nolde oder Max Pechstein, auf großen Reisen nach Unbekanntem und Exotischem suchten. Manche fanden in der Fremde sogar eine neue Heimat: Paul Gauguin in Polynesien, Heinrich Vogeler in Usbekistan. Und wer nicht reiste, konnte in Völkerkundemuseen, die als Kolonialismusfolge die Beute zahlloser Expeditionen enthielten, andere Kulturen betrachten. Sie inspirierten Künstler wie Pablo Picasso. Aber auch dem Kunsthistoriker Wilhelm Worringer kam die Idee zu Abstraktion und Einfühlung, seinem für die Avantgarde-Kunst wichtigen Buch, "sturzbachartig plötzlich" in einem Völkerkundemuseum, im Trocadero in Paris.

Viele Sehnsuchts- und Einflussgeschichten sind längst erforscht. Seit einiger Zeit hat das Fernweh aber auch eine Wandlung erfahren. Die Expeditionen von heute führen nicht in andere Kontinente, sondern in die eigenen Museumsdepots. Statt weiße Flecken auf der Landkarte zu füllen, sucht man nun nach blinden Flecken im Bewusstsein – nach dem, was lange vergessen und verdrängt war. Im Fall einer so großen Institution wie der Nationalgalerie Berlin hat sich über rund 150 Jahre vieles angesammelt, was noch nie oder seit Generationen nicht mehr gezeigt wurde. Und was ist nicht alles zu entdecken, wenn man mit heutigen Kriterien und Ansprüchen zu forschen beginnt? Die Revision einer Sammlung, so der Untertitel der Ausstellung, folgt aus der wachsenden Sensibilität für diverse Formen von Unterdrückung und Ausbeutung anderer Ethnien. Und ihr liegt die Annahme zugrunde, dass der bestehende Kanon zu beschränkt ist und seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg sogar noch weiter verengt wurde.

Den Impuls zu Hello World gab die Kulturstiftung des Bundes, deren Projekt Museum global auch Ausstellungen in Frankfurt, Düsseldorf und München umfasst. Es passt aber nicht nur deshalb in die Zeit, weil es Konsequenzen aus postkolonialen Diskursen zieht und einem bloß ökonomischen Globalisierungsinteresse eine kulturell-humanitäre Idee von Globalität an die Seite stellt. Vielmehr ist allgemein eine Abrüstung des Kunstbegriffs zu beobachten: Lange verbindliche Unterscheidungen, etwa zwischen "high" und "low" oder zwischen "frei" und "angewandt", verlieren an Relevanz, entsprechend geraten andere Artefakte in den Blick. Diese Entwicklung ist ihrerseits als Folge des sich globalisierenden Kunstbetriebs anzusehen, dessen Akteure, zumal wenn sie aus der asiatischen oder arabischen Welt stammen, nur wenig mit einem spezifisch westlichen Ideal reiner, autonomer Kunst anfangen können. Da die Globalisierung zugleich zu einem gewaltigen Boom des Kunstmarkts und zu extremen Preisen geführt hat, ist das Sichten der Depots aber auch deshalb angesagt, weil Museen sich große Neuerwerbungen heute kaum noch leisten können. Sich auf das zu besinnen, was sie längst haben, bisher jedoch nicht mit Bedeutung zu füllen verstanden, heißt somit im besten Sinne, aus der Not eine Tugend zu machen.

Die Berliner Ausstellung ist schon allein deshalb gelungen, weil sie zwei Fehler vermeidet. Zum einen ist sie keineswegs nur von schlechtem Gewissen gespeist. Die Exponate sind also nicht danach ausgewählt, dass sie indigene Völker oder andere Kulturen pauschal als Opfer erscheinen lassen. Vielmehr kommt alles, egal ob aus Indonesien oder aus Indien, aus Mexiko oder aus afrikanischen Ländern, in seinen jeweiligen Stärken, sogar voller Selbstbewusstsein gegenüber dem Westen zur Geltung. Das auch deshalb, weil – zum anderen – jegliche ethno-folkloristische Anmutung vermieden wird, die in früheren Ausstellungen, welche den westlichen Kanon global erweitern wollten, fast immer dominierte und deren Sinn sogar infrage stellte. In Hello World setzt sich hingegen fort, was bereits die im Münchner Haus der Kunst 2016 gezeigte Ausstellung Postwar. Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945–1965 auszeichnete: Die Besucher bekommen Verbindungen aufgezeigt, die immer wieder die Frage aufwerfen, warum man manches schon so gut, vieles andere bisher aber gar nicht kannte. Statt den westlichen Kulturimperialismus anzuklagen, letztlich jedoch auf andere Weise fortzusetzen, haben die Ausstellungsmacher endlich eine Strategie gefunden, um die lange währende Ignoranz der vermeintlich Ersten Welt eindrucksvoll zu entlarven.

Wie absurd hierarchisiert wurde, belegt in Hello World etwa ein Raum über die indische Moderne. An den Wänden hängen Gemälde von Malern wie Ram Kumar oder Biren De, die eigene, anspruchsvolle Wege der Abstraktion gefunden haben. In Berlin aber wurden sie allein vom Museum für Asiatische Kunst angekauft, so als müssten sie vom westlichen Kunstbetrieb getrennt gehalten werden.

In der Mitte desselben Raums stehen Skulpturen von Anish Kapoor, und sie gehören als Einzige zu den Beständen der Nationalgalerie, wurden also von vornherein als Kunst ernst genommen. Doch sollten sie wirklich eigenständiger oder bedeutsamer sein als die anderen Werke im Raum? Nein, sicher nicht. Kapoor ist jedoch eine Generation jünger als seine Landsleute und profitierte daher als einer der Ersten von der Globalisierung des Kunstmarkts. Nur dieser bereitete ihm auch im Westen die volle Autorität als Künstler.

Man kann und mag sich nicht vorstellen, dass die Exponate nach dem Ende der Ausstellung wieder in ihre Sammlungen und in die Depots zurückkehren. Und das gilt nicht nur für die Werke aus nicht westlichen Kulturen, sondern genauso für Arbeiten von Künstlern aus dem Westen, die hier ebenfalls kaum bekannt sind, weil sie in anderen Teilen der Welt neue Stile schufen, wie etwa Walter Spies, der mit seinen Gemälden aus den 1930er Jahren wesentlich das Bild von Bali als einem naturnahen Paradies prägte. Umgekehrt ist es aber auch nicht mehr möglich, noch so wie bisher auf das zu blicken, was sonst im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Die Sammlung Marx mit ihren vielen Warhols, Kiefers und Twomblys erscheint auf einmal recht eintönig oder sogar monströs. Dass man nun, dies offenbar spürend, einige der Werke um Bildtafeln im Stil Aby Warburgs ergänzt hat, die ihrerseits für erweiterte Assoziationsräume sorgen sollen, ändert daran nichts.

Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie, übertreibt also nicht, wenn er als Konsequenz aus Hello World von einem "anderen Museumsentwurf im Ganzen" sowie von einem "Befreiungsschlag" spricht: Durch das, was neu sichtbar wird, lassen sich andere Kraftzentren als bisher wahrnehmen. Besonders eindrucksvoll passiert dies in der von ihm kuratierten Abteilung "Woher kommen wir?", in der die Vielfalt der modernen Skulptur vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart als Geschichte der Aneignung nicht westlicher Stilelemente erzählt wird. In der Synopsis ist der Eindruck so stark, dass es künftig schwerfallen dürfte, überhaupt noch von westlicher Skulptur als einer originären Leistung zu sprechen. Vielmehr wird bewusst, dass kulturelle Einflüsse immer schon wechselseitig und selbst kolonisierte Kulturen stark genug waren, um die Lebenswelt derer, die sich anmaßten, über sie zu herrschen, gründlich zu verändern.

Dass erst recht im Zuge der Globalisierung andere Kulturen auf den Westen einwirken, wird am anschaulichsten in dem Video L’Air du Temps (2015) der arabischen Künstlergruppe GCC. Als Schlusspunkt der von Anna-Catharina Gebbers verantworteten Abteilung "Ein Paradies erfinden" bietet es eine Kamerafahrt durch ein Pariser Palais, prächtig eingerichtet mit alten Möbeln. Doch immer wieder taucht auch Zeitgenössisches auf: ein Hometrainer, Flatscreens, eine Sauna. Schließlich entdeckt man an einer Wand arabische Schriftzeichen, kurz ist das Bild eines arabischen Prinzen zu sehen. Das Palais gehört also offenbar nicht mehr einem Franzosen, und was darin noch aus der europäischen Kultur stammt, ist nun seinerseits exotisch. Erhascht man hier einen Blick in eine islamisierte Zukunft, wie sie auch in Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung zum Thema wird? Aber wenn schon: Vor allem freut man sich dann doch über die Stärke und Lebendigkeit der genuin westlichen Institution des Museums. Denn durch Ausstellungen wie Hello World wird verständlicher denn je, was es heißt, in einer multikulturellen Welt zu leben.