Es braucht mehrere Anläufe, die beiden YouTube-Könige höchstpersönlich am Ort ihres Wirkens zu treffen, beim letzten Versuch wartet der Reporter – es ist eine Stunde nach der vereinbarten Zeit – an der S-Bahn-Station Berlin-Marzahn, sieht den Verkehr über den Ost-Highway Märkische Allee ziehen und fragt sich, ob sich in einer der Folgen der Webserie Ost Boys ein Hinweis für die ziemlich dreiste Verspätung der beiden Jungs finden lässt. Und richtig, bei einem ihrer zahlreichen Versuche, Arbeit zu bekommen, sitzt Slavik, die Hand am Zündschlüssel, in seinem VW Lupo vor dem Arbeitsamt, mit diesem unnachahmlichen Slavik-Ausdruck im Gesicht, der immer das ganze Leben im Blick hält – die Frauen und das Business –, und erklärt seinem Kumpel und Cousin Wadik, der ihn vom Beifahrersitz aus filmt: "Du musst immer mindestens eine halbe Stunde zu spät kommen, weißt du. Wirkt seriös." Das Erscheinen der beiden YouTuber setzt der Reporter dann mit einer platt autoritären Ansage durch ("Wer in einer Viertelstunde nicht am Bahnhof ist, kriegt keinen ZEIT-Artikel") – eine Drohung, die bei Wadik, wie sich später im Gespräch herausstellte, Anerkennung auslöste: "Das erleben wir nicht oft, dass ein Deutscher eine klare Sprache spricht, Respekt."

Zwei noch junge Männer, die in strahlender Junge-Männer-Garderobe Position beziehen vor ihrem strahlend weißen neuen Mercedes – Nike-Sporthosen, 270er-Nike-Air-Max, Rolex-Uhren an den Handgelenken, Gucci-Bauchtaschen, die sie vor der Brust tragen: Oh Mann, ist das schön. Sie erklären jetzt, dass ihre Verspätung durch den leicht aus dem Ruder gelaufenen vorigen Abend bedingt sei, man habe in einer Shisha-Bar in Charlottenburg ein Fantreffen gehabt, sei dann noch in den VIP-Bereich der Diskothek Pearl gewechselt ("Da waren Mädchen dabei"). Und natürlich muss man die beiden Männer, die nicht müde werden zu erklären, dass sie ihren YouTube-Kanal nur deshalb gegründet haben, um auf bequeme Art eine große Menge Geld zu scheffeln, jetzt ein paar Takte über ihren neuen Mercedes sagen lassen: die neue E-Klasse Coupé. "Ein absolutes Traumauto. In Kirgistan-Weiß. Der soll in Gold foliert werden, aber leider ist uns jemand reingefahren, deshalb verzögert sich das." Und viel länger kann man mit den beiden YouTubern auch nicht in aller Öffentlichkeit herumstehen – zwei Jungs wollen ein Handyfoto haben, zwei nicht mal 13-jährige Fans begrüßt Slavik mit Handschlag ("Na, habt ihr euch besoffen? Habt ihr was geklaut?"). Der weiße Mercedes startet zur Marzahn-Rundfahrt.

Die Ost Boys folgen dem uralten Prinzip der Buddy-Komödie

Slavik und Wadik von den Ost Boys: Unter dem Claim "die asozialste YouTube-Serie Deutschlands" stehen zwei junge Männer aus Russland zwischen den Plattenbauten von Marzahn herum, sie präsentieren ihren Alltag zwischen Shisha-Bar, Arbeitsamt und dem russischen Mix Markt und reden sagenhaften, manchmal fast philosophischen, immer charmanten, oft auch brutal unsinnigen und verblödeten Kram. Vor gut zwei Jahren starteten die Ost Boys ihren Kanal, mittlerweile gibt es um die 240.000 Abonnenten.

Und natürlich passiert jetzt das, was stets passiert, wenn sich ein Format aus dem YouTube-Underground durchsetzt – der Late-Night-Talker Klaas Heufer-Umlauf holte die Ost Boys in seine Sendung, die Produzentin Katja Eichinger arbeitet mit den Jungs am großen Ost-Boys-Film, der im Herbst in die Kinos kommen soll. Auf die berechtigte Frage von Klaas Heufer-Umlauf, was sie da eigentlich machen mit ihrer komischen Real-Life-Serie aus Marzahn, erklärte Wadik: "Heutzutage ist jeder Wichser YouTuber, jeder kleine Hurensohn mit zwölf Jahren filmt sich selber und kriegt Likes und Sponsoring. Wir haben gedacht: Sind wir doof? Wir haben dann angefangen zu filmen."

Zwei lustige Blödmänner, eine Kamera. Die Ost Boys folgen dem uralten Prinzip der Buddy-Komödie, das sich seit Laurel und Hardy, Jack Lemmon und Walter Matthau und Erkan und Stefan nicht groß verändert hat. Die Rollen sind ganz grob so verteilt, dass Slavik der Hübsche ist (braune Junge-Hunde-Augen, fusseliger Bart, aufgepumpte Oberarme – zum Slavik-Style gehören außerdem der aus einem Ohr baumelnde iPhone-Kopfhörer, die genervt zusammengezogenen Augenbrauen, der leicht offen stehende Mund). Wadik trägt Brille, er ist kleiner und ein wenig untersetzt, zum Wadik-Style gehören die abstrus doof, dabei gleichzeitig funky aussehenden Mützen und Kappen und eine orangefarbene Bauweste mit der entsetzlichen Aufschrift "Fötzchen". Offiziell ist Wadik der Regisseur und Kameramann, weshalb zu zwei Dritteln der Sendezeit Slavik im Bild zu sehen ist und Wadik aus dem Off den Rap-Vortrag seines Kumpels mit klug gesetzten Stichworten unterbricht und am Laufen hält. Der große Konfliktstoff zwischen den Jungs sind, auch das durchaus naheliegend, die Frauen. (Wadik: "Ich habe keinen Bock, dass du immer alle Frauen kriegst, und ich kriege keine." Slavik: "Mädchen wissen, wenn sie mit Slavik sind, dann sind sie sicher.")

Handlung à la Ost Boys: In der ersten Folge kniet Slavik mit Sporthosen und Adiletten in der Russenhocke auf Steppengras vor Plattenbauten, erklärt: "Das ist Marzahn. Das ist mein Viertel, mein Leben." Die Jungs trinken Wodka und singen russische Lieder. Vor dem Mix Markt hält Wadik eine Dose russischer Kondensmilch in die Kamera: "Schmeckt wie damals in der Sowjetunion." Einmal muss Slavik nach Moabit ins Gefängnis, weil er mit einer Airsoft-Pistole herumgefuchtelt hat. In einer grandios lustigen Folge müssen sie sich um den zweijährigen Sohn einer Freundin kümmern (Slavik rollt den Kinderwagen zur Baustelle: "Ich zeige dir deinen zukünftigen Arbeitsplatz, Marvin"). Die Mütter der Jungs rufen oft an, etwa wenn sie im russischen Fernsehen gesehen haben, dass Wodka immer öfter mit Methanol gestreckt wird ("Alles klar, Mamuschka, wir passen auf"). Es gibt Ausflüge zum Alexanderplatz und zum Ku’damm, in einer Folge referiert Slavik, vor der Berliner Schaubühne stehend: "Im Theater zahlst du elf Euro am Abend, im Fitnesssalon zahlst du 20 Euro für einen Monat und hast noch alle Getränke umsonst." Der wohl unvermeidliche Fäkalhumor von YouTubern: Oft sieht man Slavik in die Büsche pinkeln und, was auch nicht so schön ist, Wadik auf dem Klo sitzen. In seinen besten Momenten ist das Reality-TV der Ost Boys beides, Sozialreportage und Feuilleton: die große, große Szene vor dem Flaschenautomaten im Netto-Markt, in der Slavik einen fulminanten Vortrag zum Thema Ja!-Plastikflaschen hält (die stabilste Währung, die Bitcoins des kleinen Mannes).

Zwischen den russischen Flüchen der Jungs hat sich in über hundert Folgen ein spezifisches Ost-Boys-Vokabular etabliert – "alpha" für gut, "elit" für sehr gut, "sich fetzen" für sich hauen, "Lauch" für den Vollidioten, "Garnele" für den Vollidioten, der keine Frauen kriegt, der "Marzahner Cappuccino" für das Bier, das vormittags am Kiosk genossen wird. Der wunderbar russische Singsang der Jungs und ihre verschobene Art zu sprechen (Artikel werden weggelassen). Die Ost Boys hauen Weisheiten raus – einige sind naheliegend ("Was sagt Bill Gates? Wenn du keinen Erfolg hast, musst du einfach so tun, als ob du Erfolg hast"), auf andere wäre man im Leben nicht gekommen. Ein Markenzeichen der Ost Boys: Wichtig ist, dass auf die guten und die weniger guten Witze stets ein bekräftigendes, sich selbst feierndes "Ha!" zu hören ist. Ach, die trotz aller Frotzeleien im Kern doch herzensgute Beziehung zwischen den beiden Jungs – Wadik ist zur Melancholie, zu Schmerz, ja zur Verzweiflung fähig, in schönen Momenten steht den Kraftausdrücken Slaviks die sensible, zarte, russisch-dramatische Seite Wadiks gegenüber: "Für dich bedeutet Freundschaft gar nichts." Antwort Slavik: "Bist du behindert oder was?"