Vor ein paar Monaten, nicht lange nach der Bundestagswahl, sitzt eine Frau in Berlin und ist voller Wut, Trauer, Verzweiflung. Sie ist eine junge Politikerin der Linken, ihr Name kann hier nicht stehen, denn verzweifelt soll sie in der Zeitung nicht wirken. Sie hat Wahlkampf in der ostdeutschen Provinz gemacht. Und sie sagt: Sie wisse auch nicht, wann ihre Partei angefangen habe, verabscheut zu werden. Sie, die Politikerin, sei auf offener Straße und in Diskussionsrunden von normalen Bürgern angepöbelt, mit Schimpftiraden überzogen worden; und zwar mutmaßlich auch von denen, die sie früher gewählt hätten. Manchmal glaube sie, sagt die Politikerin, dass ihre Wähler geradezu darauf gewartet hätten, dass es die AfD gibt. Eine Partei, die die Ostdeutschen vertritt, die aber – anders als die Linke – offen gegen Zuwanderung eintreten kann. Gegen das Establishment wüten.

Die Linke ist die Volkspartei des Ostens, dachte man, aber das stimmt nicht mehr, schon lange nicht mehr. In keinem Ostland, von Thüringen abgesehen, schneidet die Linke in Umfragen besser ab als die AfD (in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern spiegelt sich das sogar schon im Landtag wieder). Bei der Bundestagswahl landete die AfD im Osten mit 21,9 Prozent auf Platz zwei, die Linke erreichte 17,8 Prozent, und das auch nur dank der Wahlkreise im Osten Berlins.

In der Ost-Provinz hat es die Linke immer schwerer. Härter noch: Sie wird zunehmend abgelehnt. Viel wichtiger als Zahlen ist dabei das Gefühl. Die AfD hat die Art und Weise an sich gerissen, wie über den Osten gesprochen wird. Die AfD steht für die Wut des Ostens, die Verzweiflung, all das wird jetzt von der AfD repräsentiert und nicht mehr von der Linken.

Wie konnte das passieren?

Und ist die Linke sogar mitverantwortlich dafür, dass die AfD im Osten so stark geworden ist?

Zweiteres ist jedenfalls wahrscheinlich. Denn der Aufstieg der AfD hat in dem Moment begonnen, in dem die Linke den Osten erst aufgegeben und dann, irgendwann, nicht mehr verstanden hat. Um das zu erklären, ist eine Reise notwendig; ins Innere einer verunsicherten Partei. Natürlich beginnt und endet diese Reise, wie alles in der Linken, bei Gregor Gysi.

1. Wie die Linke zur Volkspartei Ost wurde und warum das immer schon unlogisch war

Die Linke ist eine Partei, die stets von der Vergangenheit lebte. Was der Humus war, auf dem sie gedeihen konnte, wird niemanden überraschen: Aus der DDR-Staatspartei SED wurde mit der Wende die PDS, von 2007 an schließlich die Linke, und in all den Jahren rekrutierte diese Partei ihre Wähler zuvorderst aus jenen, die zuvor schon die SED gestützt hatten. Aber das waren keine Linken im klassischen Sinne. Das waren Konservative, wie die Systemtragenden des Kleinbürgerstaats DDR in Wahrheit ja fast alle Konservative waren. Die PDS jedenfalls war 1990 keine nach heutigen Maßstäben linke Partei, nicht von ihren Wählern und nicht von ihren Funktionären her.

"Vom Status einer Volkspartei waren wir direkt nach dem Mauerfall sowieso noch weit entfernt", sagt Gregor Gysi. Gysi, 70, war die prägende Figur der Linken über all die Jahre, als letzter Vorsitzender der SED-PDS, Berliner PDS-Wirtschaftssenator, Vorsitzender der Linken-Bundestagsfraktion, Godfather dieser Partei. Nach 1990, sagt Gysi, habe die PDS die zentrale Aufgabe im Osten übernommen: Versöhnung zu stiften. Das klingt erst bizarr, ausgerechnet die PDS soll versöhnen, aber es ist doch logisch. "Wir hatten die bisherigen Partei- und Staatsfunktionäre der DDR zu vertreten", sagt Gysi, "kein anderer vertrat deren Interessen, und irgendjemand musste das tun, damit sie einen Weg in die deutsche Einheit finden. Wir mussten irrationale Reaktionen verhindern, nicht wenige von ihnen waren auch an Waffen ausgebildet."

Die Linke war 1990 die Partei der Ex-Genossen. Kurz darauf wurde sie mehr. "Wir wurden in jenem Moment stärker", sagt Gysi, "als sich abzeichnete, dass eigentlich alle ostdeutschen Eliten, nicht nur die Funktionäre, von den Diskursen der Nachwendezeit ausgeschlossen wurden. Die wurden alle zur PDS zurückgedrängt, obwohl sie es zum Teil gar nicht mehr wollten." Aber selbst mit diesen Leuten sei die Linke noch keine Volkspartei gewesen.

Dafür brauchte es einen dritten Schritt. Gysi sagt: "Als es im Osten zu einer Massenarbeitslosigkeit kam, wie sie der Westen glücklicherweise nie erleben musste, wurden wir die Kümmererpartei, halfen, Anträge zu stellen, von der Rente bis zur Sozialhilfe. Da bekamen wir den Volksparteicharakter." Er, Gysi, erinnert sich, wie er Anfang der Neunziger bei RTL in der Sendung Der heiße Stuhl gesessen habe und sich stellvertretend für den Osten habe beschimpfen lassen. Er positionierte sich als Anwalt der Ostdeutschen. Daraufhin, so sieht er es, flogen ihm im Osten die Herzen zu. Am Tag nach der Sendung sei er ins katholische Eichsfeld gekommen, wo es für die PDS stets schwer war. "Aber plötzlich waren alle auf meiner Seite. Wir waren akzeptiert. So merkte ich, dass wir einen Volksparteicharakter Ost besaßen – mit dem Nachteil, dass wir so im Westen kaum landen konnten."

Dieser Satz von Gysi ist wiederum schon der Keim dessen, was später zum Wiederabstieg der Linkspartei führte, führen musste. Der Osten war ihr von Anfang an nicht genug. Sie entwickelte nicht das stolze Selbstbewusstsein der CSU als prächtige Regionalpartei. Nein: Die Linke machte jene Fehler, die der Osten insgesamt machte, sie schämte sich für sich selbst – statt, wie die CSU eben, ihre Kraft aus der Verwurzelung zu ziehen.

Und anders als bei der CSU in Bayern, die so selbstverständlich zu ihrem Land gehört wie die Weißwurst und das Weizenbier, handelte es sich beim Aufstieg der Linken zur Ostpartei immer auch um ein gewisses Missverständnis, beiderseitig. Denn so historisch logisch die Volksparteiwerdung der PDS war – emotional ist der Osten kein Land, das selbstverständlich links wählt. Die Gesellschaft des Ostens, vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, ist konservativ: eine heimatstolze, eher zuwanderungskritische, eher auf Werterhalt setzende Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich durch alle Zeitläufte auch mehr als genug durchgeruckelt fühlt, die keine weiteren Erschütterungen will. Die PDS konnte hier vor allem so lange punkten, wie das Linke an ihr hinter dem Ostdeutschen verschwand. Solange ihre Partei-Elite sich aus den konservativen Ex-DDR-Funktionären speiste, passte die Linke zu ihren Wählern.

Musste die Linke den Osten aufgeben?

2. Warum manche ostdeutsche Linke-Wähler auf die AfD geradezu gewartet haben

Schwer zu sagen, was zuerst begann. Dass die Linke sich von den Ostdeutschen entfremdete oder dass die Ostdeutschen sich von der Linken entfremdeten? Klar ist, dass in den Nachwendejahren Themen dominierten, die beiden Seiten wichtig waren – in erster Linie soziale Fragen.

Erst seit die Migration das entscheidende deutsche Thema ist, wird aber sichtbar, wie weit die Linke und der Osten wirklich schon auseinandergedriftet sind.

"Es gab immer Leute", sagt der Thüringer Linken-Stratege und Staatskanzleichef Benjamin-Immanuel Hoff, "die uns gewählt haben, obwohl wir so viel für Ausländer getan haben. Die uns das am Wahlstand auch gesagt haben. Denen war unser Sozialstaatsverständnis wichtig, wichtiger als alles andere, die haben uns aber immer auch gefragt: Das mit den Ausländern, muss das wirklich sein?" Hoff sagt, er erinnere sich an Analysen schon der späten 1990er Jahre, wonach in Sachsen-Anhalt eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Menschen mit Erststimme PDS und mit Zweitstimme DVU gewählt habe. Bis 2009 hat die Linke solche Wähler mit den sozialen, mit den Ostdeutschland-Themen noch binden können. Aber das war eben eine Zeit, in der es die AfD nicht gab.

Als das Thema Flüchtlinge aufkam, offenbarte sich ein Riss. Viele Linke sehen es so: Seit viele im Osten glauben, dass die Flüchtlinge ihnen wegnehmen könnten, was sie sich mühsam aufgebaut haben, wenden sie sich eher der AfD zu. Die Linken-Politiker sagen, das lasse sich nicht ändern, eine bestimmte Klientel müsse man aufgeben: Eine Linke könne die Leute nicht vor Zuwanderung beschützen.

Aber müsste sie das Thema nicht gerade deshalb ansprechen, weil Linke viel bessere Zuwanderungskritiker sein können? Haben nicht Leute, die gegen Zuwanderung sind, in der AfD lediglich die bequemere Heimat? Könnte die Linke Zuwanderungskritikern nicht eine unbequeme Heimat sein?

Als die AfD im Osten aufkam, hat das in der Berliner Linken-Zentrale jedenfalls niemanden überrascht, die Partei hätte vorbereitet sein können. Die Parteistrategen wussten immer um das, sagen wir, nationalkonservative Mobilisierungspotenzial im Osten, und sie haben immer gebangt, dass jemand kommen und es für sich nutzen könnte.

Für manche Ostdeutsche ist die AfD die bessere Linke, weil sie nicht links ist. Weil sie hart und deutlich auf Sozialthemen setzt, aber so, wie es auf eine eher auf Abschottung setzende Gesellschaft besser passt: Soziales zuerst für uns.

Ostdeutschlandfirst.

3. Die Linke musste den Osten vielleicht aufgeben. Aber sie gab ihn auch freiwillig auf

Es geht nicht um Flüchtlinge in der Frage, wieso die AfD der Linken im Osten den Rang ablaufen konnte. Es geht um das eigentliche Thema, das hinter dem Erfolg des Rechtspopulismus steht. Die Rauflust der Wähler, die Protestlust der Ostdeutschen.

Um ein vorletztes Mal Gregor Gysi zu zitieren: Er sagt, die Linke könne im Grunde gar nichts dafür, dass sie keine Volkspartei im Osten mehr sei. Sie habe sich nämlich zu Tode gesiegt.

Um genau zu sein, ist die Linke nicht nur eine Volkspartei gewesen, sondern eine Protestvolkspartei. Einen Protestcharakter kann man sich allerdings nicht bewahren, wenn man im Land Berlin an der Regierung ist, in Brandenburg ebenfalls und in Thüringen sogar den Ministerpräsidenten stellt.

Oder sehen Sie das anders, Herr Ramelow?

Bodo Ramelow, 62, sitzt sehr lässig in seinem Ministerpräsidentenlederstuhl, fast zu lässig, wo er doch beides ist für die Linke: Er steht für das Ende vom Anfang dieser Partei. Und er steht gleichsam für den Anfang vom Ende.

Für das Ende vom Anfang steht er, weil die Aufbauzeit der Linken, die Ausgegrenztheitszeit dieser Partei nach 1990, in dem Moment endete, in dem sie ihren ersten Ministerpräsidenten stellen durfte – ihn, Bodo Ramelow, gewählt 2014.

Für den Anfang vom Ende steht er, weil seine Wahl zugleich ein zentrales Wahlargument der Linken im Osten beerdigte: den Protest. Ramelow sagt: "Der Ausgegrenzten-Nimbus hat uns immer am allermeisten geholfen. Der beste Wahlkämpfer der Linken war Peter Hintze." Hintze, in den Neunzigern Generalsekretär der CDU unter Helmut Kohl, ersann die Rote-Socken-Kampagne: Er warnte vor der PDS, dieser gefährlichen Neuauflage des übelsten SED-Sozialismus (oder schlimmer!). Ramelow sagt: "Als uns alle kategorisch ablehnten, kamen die Wähler fast von allein zu uns. Die PDS war ausgegrenzt, die Ausgegrenzten waren bei der PDS, wir wurden auch als Protestpartei der Ostdeutschen gewählt." Heute rege sich niemand auf über die Linke, alle Ausgrenzung sei vorbei. Und woran liege das? Klar, "auch daran, dass ich hier sitze", sagt Ramelow. "Wir sind jetzt Teil dessen, was die AfD als Altparteien bezeichnet. Dagegen kannst du nichts machen, wenn du Ministerpräsident bist. Den Ausgegrenzten-Nimbus hat uns die AfD einfach weggenommen." Ramelow ist überzeugt, dass die Linke der AfD deshalb wiederum auch nicht mit ritualisierter Ausgrenzung begegnen dürfe. Denn das mache diese nur stärker.

Aber die Linke hat den Osten eben auch freiwillig aufgegeben. Und auch dafür steht Ramelow.

Bodo Ramelow sagt, er habe früh erkannt, dass irgendwann der Tag kommen werde, an dem die Linke den Protest-Osten nicht mehr erreichen könne. Und er habe früh daraus gefolgert, dass die Linke nicht auf ewig als sektiererische Ossi-Partei bestehen könne. Deshalb habe er immer gesagt, die PDS müsse gesamtdeutsch werden. Er kümmerte sich schließlich sogar höchstpersönlich darum. Er wurde der Chefverhandler seiner Partei für die Fusion mit der westdeutschen WASG: Ramelow war es, der aus der Volkspartei des Ostens eine linke Konkurrenz zur SPD auf Bundesebene schmiedete.

Hätten wir das nicht gemacht, sagt Ramelow, wären wir doch heute schon gar nicht mehr da.

Zehntausend Hipster machen keine Volkspartei

Klar ist aber auch: Wenn man das Nationale stärkt, eine nationale Kraft links der SPD sein will, tritt das Regionale von ganz allein in den Hintergrund. So sieht das Ramelow auch. Aber der Weg sei ohne echte Alternative gewesen: "27 Jahre lang habe ich gesehen, wie die Aktiven, wie die Beitragszahler meiner Partei in Thüringen weggestorben sind. Ich habe gesehen, dass jede Woche wieder ein Teil jener, die unsere treusten Anhänger waren, auf den Friedhof getragen wurden." Drei Zahlen, die ihm recht geben: 1990 hatte die Linke 280.000 Mitglieder. 1993, nach der ersten Post-DDR-Austrittswelle, immerhin noch 131.000. 2006, kurz vor Verschmelzung mit der WASG, waren es nur noch 60.000.

Er erinnere sich, sagt Ramelow, wie er damals vor vier einst starken Erfurter Ortsverbänden der Linken über seine Arbeit als Bundestagsabgeordneter berichten sollte. Er dachte, die Veranstaltung finde in einer Halle statt oder in einem großen Gasthof – aber sie sei in einem Pflegeheim ausgerichtet worden, damit alle Genossen mit dem Rollator anreisen können. "Da war mir alles klar", sagt Ramelow, "da wusste ich, wir müssen uns verändern." Dass er die Ost-PDS damals ein bisschen beerdigt hat? "Hier sitzt der Parteimanager vor Ihnen, der das wusste und der das wollte", sagt Ramelow. "Der Vereinigungsprozess von WASG und PDS zu dieser gesamtdeutschen Partei war mein Baby. Auch zu dem Preis, dass dabei der klassische Teil der Ost-PDS immer kleiner wird."

4. Auch zehntausend Hipster machen keine Volkspartei

Wenn zwei Ehepartner sich gänzlich unterschiedlich entwickeln, ist das für die Ehe mitunter keine gute Nachricht. Vielleicht macht die Frau Karriere, will sich in der Welt umschauen, die alten Fesseln ablegen. Vielleicht will der Mann mehr zur Ruhe kommen, zu Hause sein, mit den Kumpels beim Bier diskutieren und Fußball gucken.

Bodo Ramelow hat es ja selbst gesagt: Die Linke wollte sich spätestens Mitte der nuller Jahre vom Osten emanzipieren. Sie wollte nicht mehr die Partei sein, die für die Ostdeutschen Stimme und Sprachrohr ist, sie wollte raus in die Welt. Statt der ostdeutschen Provinz wollte die Linke eine andere Gegend zu ihrem Spielfeld machen: Sie wollte nun auch die Partei der West-Großstädte werden.

Aber der ostdeutsche Wähler will alles, nur sicher keine westdeutsche Großstadtpartei.

Man könnte auch sagen: Die Linke ist immer entschiedener links geworden, der Osten immer entschiedener unzufrieden.

Geht eine Ehe auseinander, ist das manchmal nur für einen der beiden Partner gut. Und man könnte sagen: Der Linken geht es nicht so schlecht, seit sie den Osten aufgegeben hat. Sie wird wieder größer. Die Partei hat in den vergangenen Jahren Zehntausende neue Mitglieder hinzugewonnen, die Neumitglieder machen inzwischen ein Drittel aus. Grundsätzlich lasse sich das so auf den Punkt bringen, erklärt es ein Parteistratege: Es treten im urbanen Westen mehr Leute ein, während im ländlichen Osten mehr Leute wegsterben. Das verändert die Partei: Sie wird jünger, linker. Und westdeutscher.

Wer heute in die Linke eintritt, ist tendenziell ein cooler, junger Mensch aus der Großstadt, der Biolebensmittel kauft und die Welt retten will. (Jaja, Klischee, aber in die Richtung geht’s.) Oder er ist gar Antifa-Aktivist, hat also kein konservativ-ostdeutsches Staatsverständnis, sondern ein revolutionäres, antiautoritäres. Selbst in Sachsen oder Thüringen sitzen solche Großstadtlinken in den Landtagen.

Wer aber waren die Leute, die im Osten der Linken immer treu die Stange gehalten haben? Das waren die älteren Landbewohner, denen die Wiedervereinigung ein bisschen zu rasant und ein bisschen zu kühl ablief, die sich nicht gehört fühlten, die das Gefühl hatten, abgehängt zu sein. Für solche Menschen war die Linke das Fenster zur Welt.

Heute ist das die AfD.

Man kann Katja Kipping wütend machen, wenn man ihr von dieser Interpretation erzählt.

Kipping, 40, in Dresden aufgewachsen, ist Bundesvorsitzende der Linken. In ihrer Erzählung ist das, was der Partei widerfährt, eine Erfolgsgeschichte. "Wer behauptet, unsere Neumitglieder wären alles Hipster, erzählt Quatsch. Der war noch bei keinem Neumitgliedertreffen", sagt sie. In die Linke kämen ganz pragmatische junge Menschen, mitten im Leben, auch vom Land, auch aus dem Osten.

Aber, ja, sagt Kipping, eines stimme: Die alte Wählerschaft, die alte Mitgliedschaft, werde ausgetauscht. Der größte Zuspruch sei bei den Unter-35-Jährigen zu verzeichnen, zwei Drittel der 8500 Neumitglieder im vergangenen Jahr seien derart jung. "Wer heute jung ist und die Welt verändern will, hat als erste Adresse unsere Partei", sagt sie. "Darauf bin ich stolz." Nur: Fallen dafür nicht die älteren, tendenziell frustrierten Ostdeutschen durchs Raster, Frau Kipping? Nun, sagt Kipping: "Die Partei verändert sich, wie alles sich verändert." Viele träten sogar ein, gerade weil sie gegen die AfD seien.

Und so positioniert sich die Linke im Osten auch, als Anti-AfD-Partei, als Gegenpartei zu den frustrierten Bürgern, die sie früher noch gewählt haben (es gibt eine Ausnahme, und die heißt Sahra Wagenknecht. Dazu kommen wir noch). Grüne Politiker ärgern sich heute schon, dass die Linke auf einmal mit ihnen um die Bionade-Wähler in den ostdeutschen Metropolen kämpft, in Leipzig, Dresden, Jena, Erfurt, Magdeburg, Halle.

Kann man um die Wähler kämpfen, die die Linke an die AfD verloren hat? Tja, sagt Kipping. "Wir kämpfen um jeden, aber opportunistisch sind wir nicht. Ich sage den Leuten immer: Ich kämpfe gerne an Ihrer Seite gegen Hartz IV. Aber ich werde nicht an Ihrer Seite gegen Flüchtlinge kämpfen. Das geht für die Linke nicht." Mit anderem Wort: nein.

Die Linke ist schuldlos mitschuldig

5. Die Linke ist schuldlos mitschuldig am Aufstieg der AfD

Es ist das große historische Pech der Linken, dass der Moment, in dem sie sich ein bisschen vom Osten emanzipierte, weil sie dachte, er sei nicht mehr so wichtig – dass das also zugleich der Moment war, in dem der Osten als Thema so wichtig wurde wie kaum jemals zuvor. Die Linke hörte auf, den Osten verstehen zu wollen, als sich die Wut, der Zorn hier besonders ballten. Und jetzt ist es zu spät: Jetzt haben die Ostdeutschen gemerkt, dass sie mehr Aufmerksamkeit erregen können, wenn sie AfD wählen.

Jetzt fehlen der Linken auch ganz schlicht die Politiker, die die wütende Ost-Klientel noch ansprechen könnten.

Sebastian Scheel, 42, galt mal als so etwas wie der Hoffnungsträger der sächsischen Linken. In ihm sahen viele eine der letzten Figuren, die noch beides können: die alten, eher konservativen Wähler ansprechen. Und die jüngeren, großstädtisch geprägten Linken dennoch mitnehmen. Er galt als potenzieller Ministerpräsidenten-Kandidat, doch er ging unter in den Machtkämpfen zwischen unverbesserlichen Jungen und neidvollen Alten. Er flüchtete nach Berlin, dort ist er jetzt Bau-Staatssekretär und schaut sich alles aus der Ferne an.

"Wir haben das Ost-Thema als eines unserer Kernthemen genau im falschen Moment geräumt", sagt Scheel. Was er meint: Die Linke dachte, die Dinge im Osten seien geregelt, das Ost-Thema sei im Grunde durch. Dann kam die ostdeutsche Wut, und die AfD war da. Ja: Die AfD hat erkannt, dass es der richtige Zeitpunkt war, sich sozial und ostdeutsch zugleich zu profilieren.

Man sieht das an den Zahlen. Dort, wo die AfD besonders stark ist – im ländlichen Osten –, ist die Linke heute besonders schwach. "Die Mobilisierungsfähigkeit im ländlichen Raum fehlt uns schon lange", sagt Scheel. Das gehe zwar auch anderen Parteien so. Aber: "Wir müssen immer mehr Aufwand für immer weniger Präsenz betreiben. Das hat schleichend dazu geführt, dass wir das Bemühen nahezu eingestellt haben." Auf die Emotionen, die die Ost-Provinzen 2015 im Zuge der Flüchtlingskrise entwickelten, sei die Linke nicht vorbereitet gewesen. "Wir reden über queere Politik, Gleichstellung, Gendergerechtigkeit", sagt Scheel. Das seien wichtige Themen. Aber es sind nicht die Themen, die man in der Provinz braucht.

Was Scheel nicht sagt, ist, dass er selbst für den letzten zentralen Fehler der Linken im Osten steht. Den Umstand, dass die Talente zerrieben werden. Dass die Linke nicht mit den Besten in Wahlkämpfe zieht, sondern mit Zwischenkandidaten, deren Talent es ist, zu moderieren zwischen verfeindeten Lagern. Woran Scheel vorerst gescheitert ist, das ist die Angst der Linken vor starken Ossis. Man bremste ihn aus.

6. Wenn alles hoffnungslos ist, gibt es Hoffnung

Wer sich durch die Linke diskutiert, hört immer zwei Namen, die der Partei Hoffnung machen könnten, weil sie beliebt sind im Ostvolk: Bodo Ramelow und Sahra Wagenknecht. Dies sind, aus unterschiedlichen Gründen, aber ausgerechnet auch die beiden linken Politiker, die in der Partei am umstrittensten sind. Wagenknecht, weil sie die einzige prominente Linke ist, die Flüchtlingskritik aus ihrem Linkssein ableitet, sozusagen aus dem alten Gauck-Satz (ausgerechnet): Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich. Aber während sich die Ostdeutschen wohl auf Wagenknecht einigen könnten, kann die Linke es längst nicht.

Und dann ist da Bodo Ramelow, der einzige Linke mit wirklicher exekutiver Macht: Störrisch, aber staatstragend. Rebellisch, aber realistisch. Und während sich die Ostdeutschen wohl auf Ramelow einigen könnten, kann die Linke es auch in seinem Fall schon lange nicht.

Doch wer Figuren hat, die funktionieren, hat auch Hoffnung.

Von Wagenknecht könnte die Linke das Polarisieren lernen, die gepflegte Schmutzelei. Von Ramelow das Staatstragende, das Loyale, die ordentlichen Verhältnisse. Wagenknecht und Ramelow, sind das nicht die beiden Pole, an denen die Linke sich aus- und aufrichten könnte? Mehr Wagelow wagen.

Aber noch zieht die Partei es vor, gerade die immer klein zu halten, die in Talkshows brillieren, die im Volk ankommen, die die Leute bewegen. Oder, weil diese Geschichte mit Gregor Gysi beginnen und enden sollte, sei er noch einmal zitiert: "Früher habe ich im Westen oft den Spruch gehört: Sie persönlich finden wir ja ganz in Ordnung, Sie sind nur in der falschen Partei!"

Und was hat sich daran geändert?

"Heute höre ich den Spruch auch im Osten", sagt Gregor Gysi.