Frieden ist ein Wort, mit dem man sich problemlos auf die sichere Seite formulieren kann. "Ich bin für Frieden", diesem Satz wird erst mal niemand widersprechen wollen. Das ist ungefähr so unangreifbar wie: "Ich bin gegen Tierquälerei", "Ich bin für Menschenrechte" oder "Kinderarbeit ist nicht gut".

Frieden bedeutet, so sagt es das Lexikon, die Abwesenheit von Krieg. Das ist natürlich höchst erstrebenswert. Wenn sich also Menschen am Brandenburger Tor versammeln, wie neulich geschehen, und für Frieden demonstrieren und gegen Krieg, dann klingt das erst mal gut. Doch nur bis man genauer hinhört.

Dann nämlich fragt man sich, was Sahra Wagenknecht genau meint, wenn sie im siebten Jahr des Syrienkrieges, im April 2018, bei einer Demonstration am Brandenburger Tor von Frieden spricht. "Nein zum Krieg" hieß diese Kundgebung. Eine spontane Veranstaltung der Linkspartei, in Windeseile organisiert. Als Protest gegen die amerikanischen Luftangriffe gegen Assad. Und da rief Wagenknecht ins Publikum: "Besser wäre es, wir gingen einen anderen Weg. Einen Weg des Friedens." Was wunderbar klingt: Nach einer blühenden Magnolien-Allee, die man nur entlangzuwandeln bereit sein muss.

Alles, was Wagenknecht am Brandenburger Tor sagte, klang nach einer leicht zu lösenden Konstellation: Da gibt es den Frieden – und da gibt es die amerikanischen Luftangriffe, die nun den Frieden stören. Kein kritisches Wort zu Assad, der sein Volk systematisch vernichtet. Keines zu Putin, der ihm dabei hilft. Frieden, so hätte es ein Mensch verstehen müssen, der zufällig in die Veranstaltung geraten wäre und noch nie im Leben etwas vom Syrienkrieg gehört hat, Frieden hätten die USA durch bloße Unterlassung erreicht. Wäre Wagenknecht ehrlich – gegenüber sich, der Welt und den Wörtern –, hätte sie nicht von Frieden gesprochen. Nein, sie hätte vielleicht gesagt: "Wir wollen nicht, dass der Krieg der Amerikaner den Krieg der Syrer stört." Oder: "Für mich war dieser Krieg akzeptabel und bisher kein Grund zu demonstrieren, aber diese Marschflugkörper der USA haben wirklich eine Grenze überschritten."

Wenn es um Frieden geht, klingen links außen und rechts außen übrigens sehr ähnlich. Aus Protest gegen die USA versammelte sich Pegida Mitte April zur großen Friedens-Demo auf dem Dresdner Altmarkt. Man traf sich unter dem catchy Motto: "Wir wollen gegen die Kriegshetze unserer Medien und unserer Regierung ein Zeichen des Friedens setzen." Auf dem Sprecherwagen standen auch AfD-Abgeordnete aus dem Bundestag. Wäre jemand in diese Veranstaltung geraten, der zuvor noch nie im Leben etwas vom Syrienkrieg gehört hat, er wäre schnell zur Überzeugung gekommen, dass Syrien eigentlich ein friedliches Land ist. Wären da nicht die USA und die deutschen Medien.

Das rechte Blog Sachsen-Depesche schwärmte nach der Demo von der "pazifistischen Haltung" der Pegidianer und von ihrer "tiefen Friedenssehnsucht". Klar: Und als Ausdruck dieser Sehnsucht schwenkt man bei Pegida wechselweise Russlandfahnen und preußische Reichskriegsflaggen. Unterstützt wird diese Sehnsucht von Alexander Gauland, der an einem Tag die Leistungen der deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen lobt und sich am nächsten Tag, nach dem amerikanischen Luftangriff in Syrien, im Parlament als Friedenstaube geriert.

Es wird erst ein Schuh aus alldem, wenn man noch mal im Lexikon blättert. Frieden hat noch eine zweite Bedeutung, nämlich: Seelenruhe. Dann versteht man, warum die Querfront der Friedensaktivisten einen Krieg von Assad und Putin akzeptieren kann. Einen der USA aber nicht. Der Krieg des ideologischen Freundes stört ihren Frieden nicht, trotz Hunderttausenden Toten. Der Krieg des ideologischen Gegners schon. Sie demonstrieren weniger für die Abwesenheit von Krieg.

Sie demonstrieren für ihre Seelenruhe.