Spätestens in der Fahrschule lernt jeder, was im Notfall zu tun ist: stabile Seitenlage, Herzdruckmassage. Was aber tun, wenn nicht der Körper in Not ist, sondern die Psyche? Wie stabilisiert man einen Freund, eine Angehörige oder einen Kollegen seelisch? Einen Kurs für Erste Hilfe in psychischen Krisen, so etwas gibt es nicht.

Bis jetzt. Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim arbeitet daran, genau solche Kurse einzuführen. Im Laufe des Jahres soll die Ausbildung der Kursleiter starten. "Erste Hilfe in seelischen Krisen durch Laien fehlt in der Versorgung. Das wollen wir ändern", sagt der Oberarzt Michael Deuschle. Vorbild ist ein Programm aus Australien, das inzwischen in mehr als 20 Ländern angeboten wird. "Mental Health First Aid" (MHFA) heißt es; mehr als zwei Millionen Menschen haben bereits daran teilgenommen.

Die Ausbilder versuchen jene Fragen zu beantworten, die sich jeder stellt, wenn er einem Menschen mit einem psychischen Problem gegenübersitzt. Vielleicht wirkt derjenige über längere Zeit niedergeschlagen, vielleicht zieht er oder sie sich immer mehr zurück, vielleicht fühlt sich die Person verfolgt oder sieht plötzlich Dinge, die andere Menschen nicht sehen (siehe Kasten). Was soll man dann tun? Wie kann man helfen? Was schadet eher?

Ähnlich unsicher sind viele Laien angesichts eines körperlichen Notfalls. "Viele Menschen haben Angst, das Falsche zu tun", sagt Fionuala Bonnar. Die auf psychische Gesundheit spezialisierte Krankenpflegerin hat das MHFA-Programm in England mit aufgebaut. "Dabei ist es eigentlich recht einfach. Man sollte erst einmal fragen: Geht es dir gut? Ich mache mir Sorgen."

Wichtigstes Ziel der Kurse ist es, das Zutrauen zu vermitteln, ein solches Gespräch zu beginnen. Dazu informieren sie zunächst einmal über psychische Krankheiten: Wie äußert sich eine Depression? Was ist eine Angststörung? Welches sind die Warnsignale für eine Psychose? Dann geht es ans Erste-Hilfe-Training. Und das besteht vor allem aus einem: Gesprächsführung, genauer: Zuhören. Das klingt einfach. Aber es fällt vielen schwer. Deshalb üben die Teilnehmer es in Rollenspielen.

Besonders wichtig ist es, dabei nicht zu urteilen. Stattdessen sollte man aktiv zuhören, also immer mal wieder zurückspiegeln, was der andere gesagt hat: "Du meinst also ..." Außerdem gilt es, nicht die Geduld zu verlieren und zu unterbrechen, auch wenn die Person Dinge erzählt, die offensichtlich nicht stimmen oder fehlgeleitet sind, wenn sie langsam spricht oder sich häufig wiederholt. Bei alldem ist körperliche Zurückhaltung wichtig. Schon eine Umarmung aus guter Absicht oder die beruhigend gemeinte Hand auf der Schulter können für manche zu viel sein.

"Vor allem sollte man nicht gleich Tipps geben", sagt Fionuala Bonnar. "Das sind oft nur die eigenen Lösungen für das Problem des anderen." Ratschläge haben häufig das Ziel, ein Problem rasch unter Kontrolle zu bringen. Natürlich will man damit dem anderen helfen – aber auch sich selbst. Sorgen, Ängste, Hoffnungslosigkeit auszuhalten ist schließlich nicht leicht. Bonnar empfiehlt: "Einfach weiter zuhören. Es geht nicht darum, das Problem zu lösen." Das wiederum kann den Ersthelfer erleichtern: Er muss gar keinen Ausweg finden. "In leichteren Fällen kann schon das Zuhören helfen, selbst zu einer Lösung zu kommen."

Ansonsten greift der dritte Schritt des Programms: Die Ersthelfer sollen den Weg zu professioneller Hilfe weisen (siehe Kasten). Und in einer akuten Situation, etwa wenn sich jemand das Leben nehmen will, bei der Person bleiben, bis diese eintrifft. Ganz so wie bei der Ersten Hilfe für den Körper. Da greift der Helfer auch nicht zu Spritze oder Skalpell, sondern ruft den Notarzt.