Frage: Herr Taubert, Sie leiten die Beratungsstelle "Legato" in Hamburg. Wer ruft bei Ihnen an?

André Taubert: Überwiegend melden sich Angehörige von jungen Menschen, die unter Verdacht stehen, sich zu radikalisieren. Ihre Not ist oft sehr groß. Sie fürchten zum Beispiel, dass ihre Kinder nach Syrien ausreisen könnten. Unsere Erfahrung: Sie haben einen viel größeren Leidensdruck als die Angehörigen von Rechtsextremen. Seit 2015 haben wir in etwa 320 Fällen beraten.

Frage: Arbeiten Sie auch mit gefährdeten Jugendlichen zusammen?

Taubert: Das kommt deutlich seltener vor. Die warten nicht drauf, dass wir ihnen ihre scheinbar religiöse Weltsicht ausreden. Wir erreichen sie nur indirekt: indem wir über Bande spielen und die Familie einbinden.

Frage: Verhalten sich nichtmuslimische Eltern anders als muslimische?

Taubert: Angehörige von Konvertiten melden sich früher, weil ihnen schon die bloße Hinwendung zu Religion Angst macht. Etwa die Hälfte der Angehörigen, die bei uns anrufen, haben keinen oder keinen neuen Migrationshintergrund. Sie wurden in Deutschland sozialisiert und können sich vorstellen, wie wir arbeiten. Das unterscheidet sie von Eltern, die erst vor einiger Zeit nach Deutschland gekommen sind. Diese kennen das Konzept einer Beratungsstelle nicht. Manche denken, dass sie dafür Geld bezahlen müssten.

Frage: Von welchen Problemen berichten die Angehörigen?

Taubert: Die Konflikte zu Hause sind massiv. Die Eltern erkennen die Überzeugungen ihrer Kinder nicht an – natürlich auch zu Recht. Das führt dazu, dass die Kinder sich von ihrer Familie isolieren. Die Eltern fühlen sich machtlos.

Frage: Wer ist empfänglich für religiöse Radikalisierung?

Taubert: Grundsätzlich alle jungen Menschen. Das ist schwer auszuhalten. Man findet kein Muster, keine typischen Charaktereigenschaften oder Biografien. Die Radikalisierung kann viele Gründe haben. Jeder kann in einer Ideologie wie dem IS sein Plätzchen finden.

Frage: Gibt es denn einen häufigen Auslöser?

Taubert: Fast alle jungen Menschen erleben eine Krise, bevor sie sich radikalisieren. Diese Krisen sind gar nicht immer so besonders: Es geht auch um Themen wie Liebe und Sexualität oder die körperliche Entwicklung. Viele Pubertierende wollen perfekt sein. Sie wollen, dass alles gut wird. Sie fragen sich, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen. Manche können nicht akzeptieren, dass Erwachsene Fehler begehen. Andere sind mit der Scheidung ihrer Eltern konfrontiert. Deshalb ist es verheerend, wenn den Jugendlichen gesagt wird: "Hör zu, in einem Kalifat ist das alles wunderbar geordnet. Auch du wirst dort eine klare Rolle als Frau oder Mann haben. Dort ist niemand schlecht zu den anderen." Mädchen träumen außerdem oft vom muslimischen Traumprinzen.

Frage: Was führt noch zur Radikalisierung?

Taubert: Oft wird behauptet, dass Diskriminierung der Auslöser ist. Das kann ich nicht bestätigen. Sobald sich die Jugendlichen jedoch in einer bestimmten Szene aufhalten, wird jede Erfahrung von Diskriminierung als Bestätigung empfunden. Wenn diese Jugendlichen im Fernsehen Pegida-Demonstrationen sehen, werden sie richtig getriggert. Jede Gleichsetzung von Religion und Ideologie leistet hier einen Bärendienst, auch wenn man die Ängste der Menschen verstehen muss. Die stärkste Waffe gegen Radikalisierung ist die sorgfältige Wahrung des Grund- und Menschenrechtes der Religionsfreiheit. Frankreich ist in dieser Hinsicht ein Negativbeispiel. Ich bin überzeugt, dass auch aus diesem Grund die Verhältnisse dort so sind, wie sie sind.

Frage: Welche Rolle spielen die Eltern?

Taubert: Die Familien dieser Jugendlichen sind in der Regel ganz normal, nicht problembehafteter als überall anders. Häufig ist die Auseinandersetzung mit dem Vater entscheidend. Wenn er abwesend ist, sagen sich die Söhne oft: So wie der will ich nicht werden. Hier greift die Ideologie des Salafismus sehr gut. Sie sagt: "Wenn du bei uns mitmachst, bist du ein besserer Mensch."