Fahrräder können nicht fliegen. Man könnte meinen, das sei allgemein bekannt. Viele Hamburger allerdings scheinen vom Gegenteil überzeugt zu sein, von der Flugfähigkeit von Fahrrädern. Und nicht wenige Anhänger dieser Theorie scheinen Polizisten zu sein. Anders lässt sich kaum erklären, dass Radwege aller Art routinemäßig zugeparkt werden und die Polizei sich dafür bedauerlicherweise nicht interessiert.

Es ist nicht so, dass die Polizei grundsätzlich keine Zeit fürs Thema Radfahren hätte. Gleich zwei Aktionstage dazu hat sie innerhalb von zehn Tagen organisiert. Das ergibt Sinn, schließlich hat sich Hamburg zur Fahrradstadt erklärt, der Senat bejubelt den Ausbau des Radwegenetzes, in den nächsten Jahren soll der Anteil der Radfahrer auf Hamburgs Straßen auf 25 Prozent steigen.

Einer der Aktionstage drehte sich um Geisterradler, die auf der falschen Straßenseite unterwegs sind, der andere vor allem um Rotlichtverstöße. Beide zielten also in erster Linie auf Radfahrer, die Verkehrsregeln brechen. Und was ist mit Autofahrern, die Verkehrsregeln brechen und damit Radler gefährden? Zum Beispiel durch zu knappes Überholen oder die Blockade von Radwegen? Wird es auch dazu einen Aktionstag geben? Eine Frage, die die Pressestelle der Polizei innerhalb eines Tages nicht beantworten konnte.

Wer einen Radweg blockiert, behindert andere Verkehrsteilnehmer, oft gefährdet er sie auch. Die Radfahrer müssen, je nach Lage des Radwegs, entweder auf den Gehweg ausweichen oder aus ihrer Spur ausscheren und sich in den in voller Fahrt vorbeizischenden Autoverkehr einfädeln.

Was also tun gegen diese Rücksichtslosigkeit? Auf Twitter schreibt jemand: Vorbeifahrende Streifenwagen seien meist auf dem Weg zu einem Einsatz und hätten keine Zeit, wegen solcher Verstöße stehen zu bleiben. Man solle daher die Polizei anrufen, dann kümmere sie sich auch.

Also die Probe: Es ist Mittwochabend, auf der Holstenstraße in Altona blockiert ein weißes Mercedes-SUV den Radweg, der Besitzer ist nirgends zu sehen. Nachdem die Situation geschildert ist, Standort und Kennzeichen durchgegeben sind, sagt der Polizist von der nahe gelegenen Dienststelle am Telefon: "Okay, dann müssten Sie jetzt auf die Wache kommen, damit wir das aufnehmen können." Aber er habe doch schon alle nötigen Informationen. Der Polizist erwidert, betont desinteressiert: "Na gut, falls uns heute Nacht noch langweilig wird, fahren wir da irgendwann später mal vorbei und gucken, ob er noch da steht."

Die Bußgelder für das Halten und Parken auf Rad- und Gehwegen liegen zwischen zehn und 35 Euro. Das klingt nicht viel. Doch müssten jene Autofahrer, die sich nicht von selbst zur Rücksichtnahme durchringen können, ernsthaft damit rechnen, dass sie für jedes Falschparken bezahlen müssen, würden vermutlich auch diese niedrigen Bußgelder Wirkung zeigen.

Außerdem könnte die Polizei falsch geparkte Autos, die andere behindern, abschleppen lassen. Wem das einmal passiert ist, der sucht beim nächsten Mal vielleicht doch lieber einen Parkplatz, anstatt sein Auto einfach auf dem Radweg abzustellen, weil es halt bequem ist.

Ein konsequentes Vorgehen gegen Radweg-Parker wäre übrigens keine Anti-Autofahrer-Politik. Es wäre eine Vorgehensweise, die allen Verkehrsteilnehmern etwas bringen würde. Nicht nur den Radfahrern, auch den Fußgängern, weil damit Situationen seltener würden, die auch die rücksichtsvollsten Radfahrer auf den Gehweg zwingen. Auch den Autofahrern wäre geholfen. Die klagen schließlich über volle Straßen, Staus und Parkplatznot. Je mehr Menschen aufs Rad umsteigen, weil sie sich auf den Radwegen sicher fühlen, desto weniger Staus gibt es und desto mehr Platz für die verbleibenden Autofahrer.

Vergangene Woche haben sich die Regierungsfraktionen in einer Aktuellen Stunde der Bürgerschaft selbst dafür gelobt, dass sie in den vergangenen sieben Jahren 186 Kilometer "Radverkehrsanlagen gebaut oder in Stand gesetzt" hätten. Das wäre tatsächlich lobenswert – wenn die Regierung zugleich durchsetzen würde, dass die schönen neuen Radwege auch wirklich zum Radfahren genutzt werden können.