Meine Dolmetscherin sprach akzentfrei Deutsch, lediglich das U machte ihr manchmal Probleme: Wann immer Tsetsegmaa "Urlaub" sagen wollte, kam "Ürlaub" dabei heraus. Es war der erste Mittag in der Mongolei, wir saßen in einem Restaurant in Ulan-Bator und warteten aufs Essen. Vor der Reise hatte ich mit Tsetsegmaas Chef korrespondiert, um zu erfahren, ob das überhaupt etwas werden könne: ein Vegetarier und die Mongolei. Überhaupt kein Problem, hatte er gemeint. Man habe hier laufend Gäste mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten, und wenn man sogar glutenfreies Essen organisiert bekomme ... da müsse ich mir als Vegetarier nun wirklich keine Gedanken machen. Überhaupt hätten Touristen oft falsche Vorstellungen: "Es ist ja nicht so, dass wir in der Mongolei Hunde essen!"

Ein Kellner stellte einen großen Berg Wurstsalat vor mir ab. Ich sah den Berg ratlos an. Tsetsegmaa meinte, ich solle schon anfangen, bestimmt hätte ich Hünger nach der langen Anreise. Ich fragte vorsichtig, ob sie wisse, dass ...? Doch, natürlich, ich äße kein Fleisch, sie sei informiert. Ich schaute sie an und anschließend den Wurstsalat. Das? Tsetsegmaa nickte aufmunternd. "Das ist kein Fleisch. Das ist Würst."

"Das ist ja kein Fleisch", "das geht schon", "das können Sie aber doch essen": Solche Sätze kennt jeder Vegetarier. Ist doch Pute, ist doch kaum was dran, ist bloß Würst, jaja. Dass vegetarisch wirklich vegetarisch bedeutet und die über die fleischlose Pasta gekippte Carbonara-Sauce ebenso ausschließt wie die Schinkenwürfel an den Bratkartoffeln, ist ja schon zu Hause oft nur schwer zu vermitteln. Aber versuchen Sie das mal unterwegs! In China wird die "Vegetarian Soup! Für Foreigner!" selbstredend mit Huhneinlage serviert, offenbar gelten Hühner dort ebenso wenig als Tiere wie in Fly-over-Amerika, wo man glaubt, Vegetarier verzichteten lediglich auf rotes Fleisch. In Ruanda gab’s mal lecker Schlange, weil "die ja keine Beine hat". In Vietnam wird in so gut wie jedes Essen Fischsauce gekippt.

Aufgepasst also. Und vorsorgen. Im OhneWörterBuch von Langenscheidt gibt es kleine Tiersymbole, auf die man im Restaurant kopfschüttelnd zeigen kann, das kann helfen, manchmal. In die Google-Translate-App fürs Smartphone lassen sich Fragen wie "Ist die Gemüsepfanne ohne Schaf?" eingeben, anschließend spricht das Gerät Usbekisch oder Kirgisisch. Essenziell ist der Download von Happy Cow: Die App listet Zehntausende vegetarische Restaurants weltweit. Wer auf Nummer sicher gehen will, meidet dennoch Destinationen wie Südkorea, Grönland und das Landesinnere Australiens (und in Frankreich am besten alles außerhalb von Paris). Das kulinarisch beste Reiseziel ist übrigens Indien, Vegetarieranteil: 40 Prozent. 500 Millionen können nicht irren.

In der Mongolei hatte Tsetsegmaa die Verpflegung für die Rundreise übrigens mit ein paar Anrufen reorganisiert. Statt Fleischsalat gab es Gemüse-Momos und chilischarfe Kartoffelgerichte. "Gleich kommt wieder Würst", sagte ich vor jedem Abendessen. "Heute vielleicht ja vom Hünd", antwortete Tsetsegmaa jedes Mal.