DIE ZEIT: Ihre Partei ist nach der Bundestagswahl als kleinste Fraktion ins Parlament eingezogen. Heute stehen Sie zumindest in den Umfragen als stärkste Oppositionspartei nach der AfD da. Trauen Sie sich auch zu, führende Kraft im eher linksgerichteten politischen Lager zu werden?

Robert Habeck: Ich verstehe uns nicht als links im Sinne der Linkspartei. Ich würde links immer mit liberal kombinieren. Und nach zwölf Jahren Merkel-Regierungen brauchen wir neue Antworten, das ist unser Anspruch. Prozentzahlen kommen und gehen, da denken wir hoffentlich gar nicht drüber nach.

ZEIT: Sie haben nicht den Ehrgeiz, Ihre Partei prozentual nach vorne zu bringen? Sie wären der erste Politiker, der das sagte!

Habeck: Umfragenhörigkeit bringt nur relativen politischen Erfolg. Die große Koalition hat ihre ganze Politik ausgerichtet auf die Angst vor der AfD. Alles ist abgeleitet von der Frage: Wie halten wir rechtspopulistische Kräfte im Zaum? Das ist ein ganz miserables Vorzeichen für eine eigenständige Politik.

ZEIT: Aber muss das nicht auch Ihr Anliegen sein als Linksliberaler, wie Sie sich gerade bezeichnet haben: eine populistische Bewegung im Zaum zu halten?

Habeck: Klar. Nur dürfen wir uns darüber nicht definieren. Wir wollen Zukunftsoptimismus ausstrahlen. Sie haben gerade gefragt, wie viele Prozentpunkte wir uns zutrauen. Meine Frage war aber immer: Warum wählen 90 Prozent nicht die Grünen? Das zielt nicht auf schnelle prozentuale Gewinne ab, sondern auf die gesellschaftliche Mitte.

ZEIT: Und was ist die Antwort?

Habeck: Eine Antwort ist, dass die Sprache der Parteien eine einladende sein sollte. Wenn wir im Kampfmodus argumentieren – hier ist unsere Meinung, die halten wir gegen die der anderen! –, wenn wir also als angeblich qualifizierte Minderheit die Mehrheitsgesellschaft herausfordern, erzeugt das Widerstand. Wenn man aber bereit ist, sich irritieren zu lassen, und annimmt, dass auch der andere recht haben kann, macht man die Tür auf. Diese Lust, die Tür aufzureißen, die spüre ich überall.

ZEIT: Sie kritisieren das alte linke Konzept der gesellschaftlichen Avantgarde?

Habeck: Es reicht so nicht mehr aus. Wir wollen mehr in die Breite der Gesellschaft wirken. Wir wollen mehr sein als eine qualifizierte Minderheit. Zu der zählen im Zweifelsfall nur die, die ein Parteibuch haben oder schon mal die Grünen gewählt haben. Alle anderen werden nicht angesprochen und sagen folglich: Na gut, dann redet halt untereinander, wenn ihr nicht mit uns reden wollt! Zweitens haben wir ... (es wird Kaffee serviert)

ZEIT: Sie können auch Dosenbier bekommen ...

Habeck: Ha, das haben Sie sich gemerkt!

ZEIT: Sie haben mal gesagt, dass Sie auch Dosenbier trinken – für einen Grünen ein gewagtes Bekenntnis.

Habeck: Man kann nicht immer allen alles recht machen (lacht). Ein zweiter, inhaltlicher Punkt ist: Wir werden die Verknüpfung zwischen Ökologie und Sozialem stark machen. Viele Menschen treibt zum Beispiel um, wie wir Tiere halten. Aber im Alltag vergisst man es und kauft bei Discountern ein. Wenn man dann sagt: "Alle, die da einkaufen, sind per se schuldig!", ist man sehr schnell mit sich alleine. Wenn man aber eine Politik formuliert, die erklärt: "Wir verstehen, dass Menschen im Alltag gehetzt sind, dass im Supermarkt der Geiz angesprochen wird und dass es auch ganz schwer ist, sich dem zu entziehen – und trotzdem versuchen wir gemeinsam, was anderes zu entwickeln" – dann, glaube ich, wird man mehrheitsfähig.

ZEIT: Für wie groß halten Sie denn das Potenzial unter den 90 Prozent, die noch nicht Grün wählen?

Habeck: Jetzt locken Sie mich in eine Falle und wollen schon wieder eine Prozentzahl hören.