ZEIT: Ihre Vorgängerin Simone Peter hat auf dem Parteitag in Hannover Ende Januar drei für die Grünen identitätsstiftende Punkte genannt. Einer davon war, wie bei Ihnen, die Klimapolitik. Die anderen beiden haben Sie jetzt nicht genannt: Gender-Mainstreaming und Political Correctness.

Habeck: Nein, habe ich nicht. Es gibt diesen Spruch, dass wir die Menschen erreichen müssen, die grün denken – 30 Prozent oder so. Aber diese Vorstellung, dass man erst grün denken muss, um die Grünen wählen zu können, widerstrebt mir. Ehrlich gesagt ist es mir im Grunde egal, was die Menschen denken. Hauptsache, wir einigen uns auf politische Projekte, die uns verbinden und mit denen wir die Zukunft in die Hand nehmen. Die Gedanken dürfen gern frei bleiben.

ZEIT: Sie wollen eine Einigung auf Ziele statt einer Einigkeit der Gesinnung?

Habeck: Genau. Dahinter steckt der Gedanke von den Grünen als Bündnisplattform. Wir haben ja diesen Namen Bündnis 90/Die Grünen ...

ZEIT: ... weil vor ziemlich genau 25 Jahren die westdeutschen Grünen mit dem ostdeutschen Bündnis 90 zusammengingen.

Habeck: "90" ist ein bisschen retro, aber der Gedanke, sich trotz unterschiedlicher Ansichten auf gemeinsame Ziele zu einigen, der scheint mir zeitgemäß und kraftvoll zu sein. Es muss nicht jeder, der grün wählt, gleich mit mir in den Urlaub fahren wollen. Die Wähler können ein anderes Lebensmodell haben, die können mit ihren Kindern anders reden, sie können in ehelichen oder nichtehelichen Formen leben, die können sich kleiden, wie sie wollen, die müssen nicht in die gleichen Cafés wie ich gehen – das ist mir alles ganz egal. Aber Bündnisfähigkeit, die müssen wir hinbekommen.

ZEIT: Sie müssen auch nicht wie Sie Vegetarier sein?

Habeck: Nein, aber sie sollten dafür sein, den Bauern mehr Geld zu geben, damit sie für ihre Tiere mehr Platz schaffen können.

ZEIT: Stimmt es noch, dass Sie zur Not ein Stück Fleisch mitessen, wenn Sie einen Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen wollen?

Habeck: Das stimmt zunehmend weniger. Ich esse seit etwa fünf Jahren kein Fleisch, es schmeckt mir inzwischen nicht mehr. Aber ich war einmal zu Gast auf einer Hallig, da leben die Leute wirklich einsam. Die haben zur Feier des Tages, weil der Minister kommt, ein Lamm geschlachtet. Da gab’s nur das Lamm. Hätte ich abgelehnt, wäre das respektlos meinen Gastgebern gegenüber gewesen, also habe ich halt am Lamm rumgenascht.

ZEIT: Sie haben es überlebt!

Habeck: Ich hab’s überlebt, das Lamm nicht. Es hat mir damals auch gut geschmeckt. Das ist nicht der Punkt. Ich bin Vegetarier geworden, weil ich eines Tages keine gute Antwort mehr hatte auf die Frage meines Sohnes, warum wir Tiere essen.

ZEIT: Sie haben ja Philosophie studiert. Wie löst man den Widerspruch auf, dass eine Mehrheit der Menschen will, dass Tiere besser behandelt werden, aber nur eine Minderheit bereit ist, mehr dafür zu bezahlen?

Habeck: In diesem konkreten Fall geht es eben nicht darum, Menschen umzuerziehen, sondern eine bessere Politik zu machen. Europa pumpt Milliardenbeträge in die Landwirtschaft, ohne für dieses öffentliche Geld öffentliche Leistungen zu fordern. Der Appell an den Einzelnen hat in den vergangenen Jahren immer wieder politische Maßnahmen ersetzt: Man kann doch nicht den Verbrauchern vorwerfen, dass sie Facebook nutzen. Selbst den Reichen nicht, dass sie versuchen, Steuern zu sparen, und legale Schlupflöcher nutzen. Sondern es ist Job der Politik, die Löcher zu schließen. In den letzten Jahren wurden die Debatten aber entpolitisiert und ins Private verschoben. Wir müssen die Prozesse in die Politik zurückholen, statt darauf zu vertrauen, dass sich alle engelhaft verhalten. Wir leben in einem demokratischen Staat. Und der Sinn davon ist, dass er uns entlastet von privatem vorbildhaftem Verhalten. Wir müssen keine moralischen Streber sein, dafür haben wir die Politik. Aber die muss dann natürlich auch liefern.

ZEIT: Aber ganz konkret: Würde unter einer Regierung der Grünen das Fleisch teuer werden?

Habeck: Die Bauern müssen faire Preise für das Fleisch kriegen. Ramschangebote, bei denen Fleisch unter dem Einstandspreis verkauft wird und die Landwirte faktisch noch draufzahlen, sind ethisch unanständig. Die Preise würden aber nicht ins Exorbitante steigen: Es würde eine Haltungskennzeichnung kommen, die für alle Landwirte verbindlich ist. Und klar, Fleisch aus einer Haltung, in der Tiere mehr Platz haben, wäre eben teurer.