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Es ist Nacht in Uri, kalt und klar, 28. September 2015, über Erstfeld glimmen Sterne, kein Wind heute, kein Regen wie damals – drei Schüsse fallen, Bärenbodenweg 23, drei Schüsse in 0,6 Sekunden. Das Schweizer Fernsehen ist angereist, um dabei zu sein, wenn heute Hülsen begutachtet werden, die Frau vom Regionaljournal Zentralschweiz, Tele 1, Radio Pilatus, Radio Sunshine, Schweizerische Depeschenagentur, Keystone, der Bote der Urschweiz. Denn heute Nacht, veranstaltet vom Obergericht des Kantons Uri, ausgeführt vom Forensischen Institut Zürich, wird nachgestellt, was hier schon einmal geschah, am 12. November 2010 um 0.40 Uhr, Freitag, drei Schüsse aus einer Blow Mini, Modell 2003, es war windig, regnerisch, eine Frau, in den Rücken getroffen, lag im Blut, Nataliya K., Eheweib von Ignaz Walker, Besitzer der Nightbar Taverne.

Sie sei überzeugt, gab die Verletzte zu Protokoll, ihr Mann habe einen Killer auf sie angesetzt.

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Ignaz Walker – seit Jahren sorgt er im Land der Reuss, ein 164 Kilometer langer Fluss, für Erzählstoff. Nicht nur weil er junge, schöne Ausländerinnen in seine Raststätte holte, einen verschwiegenen sündigen Pfuhl in der Mitte des Dorfs, die Kamera zum Vorplatz – Ignaz, von dem manche sagen, er sei dem Teufel schon früh vom Karren gerutscht, zündelte und trickste, schlug auch zu, wenn er sich nicht anders zu helfen verstand – bis 1997, knapp dreißig Jahre alt, stand er bereits 14-mal vor Gericht.

Aber der Ignaz, meinen andere im Tal, der Ignaz ist kein Ungerader, nur respektlos und direkt.

Das erfuhren am 19. Dezember 2006 drei Männer, Polizisten, unterwegs in ihrer Freizeit. Vom Alkohol entsichert, nachts um halb vier, setzten sie sich in Walkers Tränke, es wurde laut und grob, Walker, kein Zauderer, wies die Herren aus dem Haus – sie blieben. Einer, erzählte Walker später der Neuen Urner Zeitung, einer habe gesagt, als Polizisten ließen sie sich nicht aus dem Lokal werfen, ein anderer, so Walker, habe ihn gar mit Bier besprengt.

Tatsache ist, dass Walker, als die Polizisten nicht gingen, die Polizei rief. Und die drei Polizisten anzeigte.

Ein Thema für die Erstfelder Fasnacht.

Und kaum war die vorbei, am 4. Mai 2007, erstach ein Mann in Walkers Bar zwei Gäste, verletzte den Wirt, der den Verbrecher mutig umfasste, an Armen und Beinen, Journalisten rasten an, machten die Taverne und ihren Besitzer landesbekannt – ein erstes Mal. Der SonntagsBlick, weil es so schön und traurig war, hielt fest: Sein Sohn war gerade dreißig Stunden alt, als Ignaz Walker gegen einen Messerstecher kämpfte. Jetzt liegen P., Nataliya und Ignaz Walker im selben Spital.

Zwei Winter gingen ins Urnerland, drei Sommer, am Morgen des 4. Januar 2010, es war kurz vor fünf, fiel vor der Taverne ein Schuss. Ein Niederländer, ehemaliger Fremdenlegionär, rief, zwar stockbetrunken, die Polizei. Die rückte aus – und fand auf dem Pflaster eine Patronenhülse.

Doch ausgerechnet einer derer, die Walker drei Jahre zuvor angezeigt hatte, weil sie, lärmend und pöbelnd, seine Taverne nicht hatten verlassen wollen, Polizist M., übernahm die Sicherung der Spuren.

Und dies, obwohl Walker, kaum verhaftet, darum bat, die Beweise seien nur von Polizisten aufzunehmen, die persönlich nichts gegen ihn hätten.

Ein Urner Beamter fuhr nach Zürich zum Forensischen Institut, im Gepäck die gefundene Hülse, 5. Januar 2010. Eine Woche später, am 12. Januar 2010, schickte der Beamte feinstes Material, das er zuvor, wie er behauptete, von ebendieser Hülse abgestrichen hatte, ans Rechtsmedizinische Institut der Universität Zürich, versehen mit einer DNA-Probe von Walker und der Bitte, die beiden Stoffe zu vergleichen. Und siehe: Sie waren identisch – auf der verschossenen Hülse fand sich DNA des Ignaz Walker, Nightbar Taverne, Gotthardstraße 88, Erstfeld. Ein kriminaltechnisches Wunder.

Denn das Forensische Institut Zürich hielt fest, bei der Abgabe eines Schusses überlebe DNA auf einer Hülse kaum oder höchstens dann, wenn die Hülse zuvor mit Speichel beladen worden sei, in der Vergangenheit habe es, das Institut, auf Hülsen noch nie verwertbare DNA gefunden.