Es ist einer dieser Tage, die niemals enden sollten. Die Sonne scheint, am Himmel ist keine Wolke zu sehen, und das Thermometer zeigt 30 Grad im Schatten an. Das Training der Profis von Bayer 04 Leverkusen wurde deshalb auf den späten Nachmittag verlegt. Ungewöhnlich für einen Tag Mitte April. Doch den Mann, den sie hier nur "Kies" rufen, beschäftigen andere Themen. Stefan Kießling, 34, trägt Jeans im Used-Look, helle Sneaker, ein weißes T-Shirt mit V-Ausschnitt und eine schwarze Base-Cap. Auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet er mit einer Gegenfrage: "Was denken Sie denn, wenn Sie mich gehen sehen?" Natürlich, die Hüfte. Die macht Kießling seit Jahren Probleme, er humpelt. Nach 15 Jahren macht er deshalb Schluss mit Profifußball. Kießling schoss für Leverkusen und Nürnberg 144 Tore in 401 Bundesligaspielen, wurde einmal Torschützenkönig und spielte sechsmal für die Nationalmannschaft.

DIE ZEIT: Herr Kießling, in wenigen Wochen endet Ihre Karriere. Macht Sie das wehmütig?

Stefan Kießling: Ich versuche, das Thema von mir wegzuschieben. Noch gelingt mir das ganz gut. Jeder, der mich kennt, weiß, dass der Abschied emotional werden wird. Und ich gehe fest davon aus, dass es Tage oder Wochen geben wird, in denen ich vieles vermissen werde.

ZEIT: Was genau?

Kießling: Die kleinen Dinge des Fußballerlebens: Die Fahrt zum Training, in der Kabine Blödsinn mit den Jungs machen, das wird mir fehlen. Das gilt natürlich auch für den Fußball an sich, für den Wettkampf und die Atmosphäre im Stadion.

ZEIT: Werden Sie sich nach dem letzten Spiel am 12. Mai still und leise oder mit einer großen Party vom aktiven Fußball verabschieden?

Kießling: Nach dem Spiel werde ich eine Ehrenrunde laufen, da freuen sich die Kinder schon jetzt drauf. Danach wird im privaten Kreis gefeiert, sicher auch mal etwas länger, dann darf ich das ja. Und wenn die Kinder Schulferien haben, fahren wir zusammen in den Urlaub. Ab in die Sonne, ganz ohne Trainingsplan.

ZEIT: Nun hören Sie ja nicht freiwillig auf, die Hüfte zwingt Sie dazu. Wie geht es Ihnen?

Kießling: Die letzten zwei Jahre waren eine Leidenszeit. Bei einem Freundschaftsspiel im Januar 2016 gegen Sporting Lissabon habe ich einen heftigen Schlag auf die Hüfte bekommen und direkt gemerkt: Da ist irgendwas kaputt. Ich habe Arthrose und einen Knorpelschaden in der Hüfte. Rechts ist kaum noch Knorpel übrig, da drückt bei Belastung Knochen auf Knochen.

ZEIT: Sie müssen doch Schmerzen haben, die jedes Training und jedes Spiel zur Qual werden lassen?

Kießling: Im Tagesverlauf hält sich das noch in Grenzen, aber abends wird es manchmal richtig unangenehm. Dann fühlt es sich an, als sei ein Nerv eingeklemmt, meine Bewegungsfreiheit ist arg eingegrenzt. Morgens fällt es mir oft schwer, mir die Socken anzuziehen oder die Schuhe zuzubinden. Wenn ich Pech habe, brauche ich irgendwann eine künstliche Hüfte.

ZEIT: Wenn der Beruf des Fußballers für Sie mittlerweile mit so großen Einschränkungen verbunden ist, warum tun Sie sich das dann noch an?

Kießling: Das ist eine gute Frage. Nach der letzten Saison sagten mir viele, das sei der perfekte Zeitpunkt, um aufzuhören. Ich hatte die Zähne zusammengebissen, weil wir im Abstiegskampf steckten, und in den letzten vier Spielen drei Tore gemacht, darunter ein ganz wichtiges im Derby gegen den 1. FC Köln. Aber einfach so aufzuhören, ohne das vorher angekündigt zu haben, das fühlte sich nicht richtig an. Zumal mein Vertrag ja noch ein Jahr lief. Außerdem wollte ich unbedingt die 400 Bundesligaspiele vollmachen, und das hat auch geklappt.

ZEIT: Wann fiel die Entscheidung, noch ein Jahr weiterzuspielen?

Kießling: Als feststand, dass Heiko Herrlich neuer Trainer wird, habe ich ihn angerufen und ein langes Gespräch mit ihm geführt. Er sagte mir offen, dass ich sicher weniger Spielzeit als zuvor bekommen würde, dafür aber auch abseits des Platzes eine wichtige Rolle erfüllen könnte.

ZEIT: Konnten Sie sich mit dieser neuen Rolle schnell anfreunden?

Kießling: Natürlich war das nicht leicht. Aber ich war immer schon ein Kämpfer, und so bin ich dieses letzte Jahr auch angegangen. Wenn man sieht, dass ich trotz der Schmerzen täglich auf dem Platz stehe und den Jungs und dem Verein helfen kann, sei es im Spiel oder in der Rolle als Ansprechpartner für die jüngeren Spieler, dann macht mich das schon stolz.