DIE ZEIT: Steff la Cheffe, wir haben uns vor fünf Jahren zum letzten Mal zu einem Interview getroffen ...

Steff la Cheffe: ... im Aarberger Hof in Bern ...

ZEIT: ... stimmt. Damals sagten Sie: "Alle meine Visionen wurden Wirklichkeit."

La Cheffe: Alle meine Wunschträume, die ich als Teenager vor dem Einschlafen hatte: Alben, Videos, Touren, Plattentaufe im Dachstock in Bern, ein Auftritt am Gurtenfestival.

ZEIT: Sie sind mir in Erinnerung geblieben als jemand, der damals schon sehr viel erreicht hatte, aber ratlos war, was jetzt kommen sollte. Sie waren 26 und sagten: "Momentan interessieren mich Pflanzen fast mehr als Musik."

La Cheffe: Eigentlich hätte ich damals vor Freude vergehen müssen, aber es fehlte mir der Antrieb. Ich fiel in ein Loch.

ZEIT: Weshalb?

La Cheffe: Der Erfolg gab mir Glücksmomente, aber er macht mich nicht zu einem glücklichen Mensch. Er erfüllte mich nicht mit innerer Zufriedenheit. Ich sah nichts darin, das Erreichte zu toppen, aus 10.000 halt 20.000 Zuschauer zu machen, aus 10.000 verkauften Alben halt 20.000. Also habe ich mich komplett zurückgezogen. Um herauszufinden, was es denn ist, was ich suche.

ZEIT: Wie gingen Sie vor?

La Cheffe: Ich war viel im Ausland. Neun Wochen in der Dominikanischen Republik, drei Wochen in Barcelona, drei Wochen in Thailand, drei Wochen in Berlin und dann zwei Monate auf einer kleinen italienischen Insel ...

ZEIT: ... Sie waren eine Getriebene.

La Cheffe: Das hat was. Ich suche immer etwas Neues, das mich inspiriert, das mich kickt. Ich suche nach dem Gefühl, das ich als 15-Jährige vor dem Einschlafen hatte: Was will ich als Nächstes erreichen?

ZEIT: Haben Sie das Gefühl im Ausland gefunden?

La Cheffe: Nein. Als ich zurück nach Bern kam, war ich irgendwie verrückt, stand neben mir. Also wurde aus der Reise in die Außen- eine Reise in die Innenwelt.

ZEIT: Was geschah auf dieser Reise nach Innen?

La Cheffe: Als Erstes musste ich akzeptieren, dass dies hier in der Schweiz mein Leben ist. Das war recht hart.

ZEIT: Und dann?

La Cheffe: Ich merkte: Ich will gute, noch bessere Songs machen.

ZEIT: Gab es ein Schlüsselerlebnis?

La Cheffe: Nein. Für mich ging es auch darum, welche Künstler mich in der Schweiz inspirieren könnten. Andere Rapper sind mehr business men als Musiker, das ist okay, interessiert mich aber nicht. Ich will nicht auf ein Werbeplakat.

ZEIT: Welche Künstler inspirierten Sie denn?

La Cheffe: Stephan Eicher. Er hat Visionen: wie ein Song klingen, wie eine Show aussehen muss. 2017 hatte ich einen Gastauftritt bei einem seiner Konzerte in Lausanne. Der ganze Abend stand unter dem Motto Insel. Er hatte die ganze Bühne mit Schwemmholz, Fischernetzen, alten Petroleumlampen, großen Fässern bestückt. Auch die Songauswahl war entsprechend. Da dachte ich: Wow, das ist huere inspirierend!

ZEIT: Wenn der dreißigste Geburtstag naht, dann wird es ernst, und damit hadern alle. Die einen mehr, die anderen weniger. Die einen gehen in eine Therapie, andere werden sesshaft, gründen eine Familie.

La Cheffe: Darüber habe ich mir extrem viele Gedanken gemacht: Will ich weiter Musik machen, will ich eine Familie gründen? Ich habe dann mal anderthalb Jahre einen fixen Job gemacht ...

ZEIT: ... in einer Käserei.