"In keinem Kommentar zum neuen Koalitionsvertrag wurde erwähnt, dass dieser von quasitrunkenen Leuten ausgehandelt wurde. Man hörte nur, die Verhandlungspartner seien "in den frühen Morgenstunden auseinandergegangen". Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich das menschliche Gehirn nach siebzehn Stunden Schlaflosigkeit in einem Zustand befindet, der sich auch bei einem Promille Blutalkohol einstellt. Die Symptome sind Sprachstörungen, Verlust der Kritikfähigkeit und erhöhte Aggressivität. In seinen Glanzzeiten brüstete sich der Manager Thomas Middelhoff, er brauche pro Nacht nur drei Stunden Schlaf. Man weiß, wohin es führte. Rüdiger Grube schläft nach eigener Aussage vier Stunden, danach geht er joggen. Offensichtlich gibt es für Elite-Menschen einen Sinnzusammenhang zwischen ihrer Wichtigkeit und Wachbleiben bis zum Umfallen.

Auch der Normalbürger schläft immer weniger. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug die durchschnittliche Schlafdauer der Deutschen zehn Stunden, heute sind es sechs. Es gibt viele Theorien, weshalb der Schlaf auf dem Rückzug ist, und eine simple Erklärung: Wer schläft, macht Pause. Die Kulturtechnik des Pausierens hat gegenwärtig jedoch einen schweren Stand. Vor Jahren bestellte mich mal ein Chef mit dem Satz zum Gespräch: "Zwischen 16 Uhr und 16.10 Uhr hab ich eine Lücke, da können wir in Ruhe reden." In den zehn Minuten war er dermaßen überdreht, dass er zweimal seinen Kaffee über meine Hose schüttete. Das hatte nichts mit #MeToo zu tun, nur mit Terminkalenderwahn. Während er an den Kaffeeflecken herumwischte, erklärte er mir sein spektakuläres Konzept für die Zeitung. Sie ging kurz danach ein.

Die Episode fiel mir beim Lesen von Thea Herolds Buch Du hast Zeit ein. Thea Herold war lange im Journalismus tätig, einer Branche, in der man sich leicht mit Schlafstörungen infizieren kann. Es dürfte also kein Zufall sein, dass Thea Herold die Chronobiologie zu ihrem Fachgebiet gemacht hat und 2007 die Schlafakademie Berlin gründete. Im Untertitel heißt ihr Buch Eine Liebeserklärung an die Pause. Das lässt keinen der üblichen Ratgeber erwarten, sondern eine Mischung aus Essay, persönlicher Erzählung und Tagebuch. Für das Thema Pause gibt es keine überzeugendere Form, weil sie es auch dem Text erlaubt, sich Zeit zu nehmen; für Abschweifungen in Kunst und Musik und für nur auf den ersten Blick kurios wirkende Fragen wie die, ob es eigentlich besondere Kleidung für Pausen braucht.

Gut möglich, dass es mit Jamaika nicht schiefgegangen wäre, wenn die Verhandlungspartner sich erst mal mit diesem Buch zurückgezogen und nachts ordentlich geschlafen hätten.

Thea Herold: Du hast Zeit. Eine Liebeserklärung an die Pause; Siebenhaar Verlag, Berlin 2018; 125 S., 18,– €