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Abdullah Gül war türkischer Staatspräsident vor Erdoğan. Gemeinsam gründeten die beiden die AKP, die nach wie vor an der Regierung ist. Sie waren enge politische Freunde. Gül war Außenminister im Kabinett Erdoğan, später war Erdoğan Güls Premier.

Es war auch bekannt, dass sie sich zwar mit "Bruder" anreden, aber gar nicht mögen. Gül, der studiert hat und im Ausland tätig war, hielt sich für das eigentliche Hirn der Partei und blickte auf Erdoğan herab. Er sagte, bei den EU-Verhandlungen habe er ihn hin und wieder zur Warnung unter dem Tisch getreten. Erdoğan dagegen ärgerte, dass Gül in den Vordergrund trat und öffentlich das Handeln der Regierung kritisierte, er ließ loyale Zeitungen und das Trollheer unter seinem Kommando Gül schmähen.

Als Güls Zeit als Staatspräsident ablief, übergab er Erdoğan den Posten und zog sich zurück. Man wusste aber, dass er in seiner Residenz Gespräche mit diversen Kreisen führte.

Als Erdoğan nun jäh die Präsidentschaftswahlen um 18 Monate vorzog und für kommenden Juni ansetzte, wurde die Opposition kalt erwischt. Sie musste rasch einen so bekannten wie erfahrenen Kandidaten finden und dem Regierungsblock mit seinen etwa 50 Prozent Stimmen abjagen. Der einzige infrage kommende Mann dafür war Abdullah Gül. Unverzüglich klopften sie bei ihm an. Gül sagte: "Wenn die Oppositionsparteien mich als gemeinsamen Kandidaten aufstellen, bin ich dabei." Eine schwierige Voraussetzung, denn dazu müssten andere prätentiöse Kandidaten zurücktreten und die Sozialdemokraten für den Mitbegründer der AKP stimmen. Dennoch bastelten die Oppositionsparteien in tagelangen Verhandlungen an Güls Kandidatur. Wie sehr das dem Regierungslager zusetzte, wurde an einer Kampagne der regierungsnahen Presse deutlich. Gül wurde "Brutus" geschimpft. Das scherte ihn allerdings nicht. Vielmehr konsolidierte die Gegenkampagne seinen Unmut gegen "Cäsar". Er war bereit, gegen seinen ehemaligen Weggefährten anzutreten.

Da brachte Erdoğan einen Akteur ins Spiel, mit dem niemand gerechnet hatte: den Generalstabschef. Erdoğan war mit dem Versprechen, die Bevormundung durch das Militär zu beenden, an die Macht gekommen und hatte es mithilfe Tausender Verschwörungen in die Kasernen zurückgeschickt. Wie nach dem Motto "Jetzt ist es an mir, das Militär in der Politik zu benutzen" schickte er nun Generalstabschef Hulusi Akar zu Gül, damit er Letzteren von der Kandidatur abbrächte. Die beiden kannten sich seit den Siebzigern. Akar landete heimlich per Hubschrauber im Garten von Güls Residenz. Mit ihm kam Regierungssprecher İbrahim Kalın. Die Einzelheiten der Unterredung wurden nicht bekannt, vermutlich legten sie Gül die bedenklichen Folgen seiner Kandidatur dar. Alles erwartete schon, dass Gül seine Kandidatur verkünden würde, doch drei Tage nach der Unterredung trat er vor die Presse und sagte: "Ich kandidiere nicht."

Es hatte eindeutig eine Militärintervention stattgefunden. Die allerdings vor der Öffentlichkeit geheimgehalten wurde. Einige Tage nach dem Treffen bekam die Zeitung Habertürk Wind davon und setzte die Meldung auf ihre Website. Kurz darauf wurde sie entfernt, die Tweets gelöscht und anschließend der Online-Chef gefeuert.

Muss man noch sagen, dass die Mediengruppe, die die Nachricht unterdrückte, in enger Beziehung zur Regierung steht?

Aus Anlass des "Tags der Pressefreiheit" wollte ich über die Lage der Medien in der Türkei und eine verschleierte Militärintervention schreiben.

In der türkischen Presse ist es leider schwierig geworden, so etwas zu veröffentlichen ...

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe