Sie haben sich viel Zeit genommen in Greifswald. Seit bald zwanzig Jahren wurde in der Ostseestadt darüber debattiert, ob die 1456 gegründete Hochschule ihren alten Namen zurückerhalten soll, den sie bis 1933 trug: Universität Greifswald. Damals hatten ihr die Nazis in einer Art Umbenennungsputsch den Namen Ernst Moritz Arndt übergestülpt. Es war ein Gewaltakt aus ideologischen Gründen. Denn sowohl literatur- wie wissenschaftshistorisch ist der von Rügen stammende Dichter und Geschichtsprofessor Ernst Moritz Arndt (1769–1860) bar jeder überzeitlichen Bedeutung. Als völkischer Ideologe jedoch, als Antisemit und nationalistischer Hassprediger zählt er zu den Idolen des rechtsradikalen Deutschlands – bis heute.

Nun also ist es amtlich, durch das Ministerium in Schwerin bestätigt: Die Universität ist von der Nazi-Ehrung befreit und hat ihren schlichten alten Namen zurück. "Die Ernst-Moritz-Arndt-Universität ist", wie die lokale Ostsee-Zeitung richtig feststellt, "Geschichte." Das kann nur von Nutzen sein: Denn zum einen bleibt es das oberste Prinzip aller Wissenschaft, die Welt ohne Zorn und Eifer – sine ira et studio – zu erforschen, und dazu war Arndt das denkbar untauglichste Vorbild. Zum anderen versteht sich die Universität Greifswald gleich allen Universitäten von Rang als kosmopolitisches Mitglied der globalen Republik der Wissenschaften und durchaus nicht, wie der Name Arndt signalisierte, als eine nationalpolitische Erziehungsanstalt für die vorpommersche Heimat.

Fragt man, warum es so lange gedauert hat, bis dieser für das Ranking der Hochschule gewiss nicht existenzielle, für ihr Selbstverständnis jedoch bedeutsame Schritt vollzogen war, dann muss man auch die Nachkriegsgeschichte berücksichtigen. Denn wie konnte es überhaupt sein, dass der Name Arndt das Jahr 1945 überlebte? Dass er der Universität nach einer gewissen Schamfrist 1954 erneut angehängt wurde? Die Wahrheit ist zumutbar: Auch unter den DDR-Talaren gab es viel "Muff von 1.000 Jahren". Alle Greifswalder Rektoren von 1950 bis 1978 waren einst Mitglied der NSDAP gewesen. Vor diesem Hintergrund brauchte es nicht viel, nur ein bisschen Geschichtsklitterung, um den rechtsautoritären Arndt für die linksautoritäre DDR passend zu machen. Hier zeigt sich eine gesamtdeutsche Nachkriegskontinuität, die von DDR-Nostalgikern gern bestritten wird.

Schon bald nach der Wende kämpfte man in Greifswald um die Rückkehr zum alten Namen. Es gab Studenten-Initiativen, es gab Podiumsdiskussionen ohne Ende. Der Senat der Hochschule tat sich zunächst schwer. Doch dann rang er sich mit Zweidrittelmehrheit zum finalen Schnitt durch.

Eine letzte bizarre Volte hatte die Debatte noch 2017 bekommen durch eine Wutrede des Berliner NS-Forschers Götz Aly für die Berliner und die Stuttgarter Zeitung, in der er den Nazi-Namen von 1933 vehement verteidigte. Dieser Beitrag zum Fremdschämen für alle, die Alys Arbeiten über das "Dritte Reich" schätzen, erklärt just den völkischen Monarchisten Arndt zum "Demokraten" und suggeriert zugleich, alle frühen Freiheitsmänner und -frauen seien Antisemiten und Nationalisten gewesen: "Bessere Demokraten" habe es im Deutschland jener Zeit nun mal nicht gegeben. Wie so mancher westdeutsche Ex-Kommunist offenbar wenig vertraut mit den Protagonisten der deutschen Demokratiegeschichte, stellt Aly damit gleich den gesamten demokratisch inspirierten Aufbruch der Jahre zwischen 1789 und 1848 unter Verdacht – politische Autoren und aktive Politiker von Forster, Seume und Büchner bis Rebmann, Siebenpfeiffer und Itzstein, denen Antisemitismus fernlag. Auch scheint der Börne-Preisträger des Jahres 2012 noch nie etwas von den deutsch-jüdischen Demokraten jener Jahre gehört zu haben: von Johann Jacoby oder Emma Herwegh oder Heinrich Simon. Alles Antisemiten? Oder zählt Aly sie nicht unter die Deutschen?

Nebbich. Es gibt genug Frauen und Männer aus der Frühzeit der modernen deutschen Demokratiegeschichte, auf die wir uns heute gern berufen. Es lohnt sich, sie zu kennen. Im Übrigen braucht sich um Arndt niemand Sorgen zu machen. Immer noch tragen etliche Schulen seinen Namen, oft ebenfalls seit Nazi-Zeiten, wie die Arndt-Gymnasien in Bonn und Krefeld. Selbst eine evangelische Kirche, die Arndt-Kirche in Berlin-Zehlendorf, feiert seit 1935 den frömmelnden Rassentümler, dem die Juden "Ungeziefer" waren und der "den Hass zur Religion des deutschen Volkes machen" wollte. Sprach der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm nicht vor wenigen Wochen davon, dass für Antisemitismus kein Platz sei in der Kirche? Für Antisemiten aber wohl doch.

Rettung für den Prototyp aller deutschen Wahnbürger könnte indes auch von der parlamentarischen Rechten kommen. Die AfD sucht ja immer noch einen Patron für ihre Parteistiftung. Erasmus kann es nicht bleiben – viel zu kosmopolitisch, geradezu linksgrün versifft. Wie wäre es mit Ernst Moritz Arndt?