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Von Ferne dringt der Chor in meine Träume. Vielstimmig und immer lauter, bis das Fortissimo mich aus dem Schlaf reißt. Der Wecker zeigt eine Fünf vor dem Doppelpunkt. So geht das nun schon seit Wochen. An jedem Morgen sammelt sich das Ensemble der begabtesten Singvögel vor meinem Schlafzimmerfenster, unverdrossen starten sie in der Dämmerung ihre Sängerwettkämpfe. Manche gurren und zwitschern, trällern und zirpen. Andere singen Melodien, lassen Tonfolgen hören, die sich irgendwer ausgedacht haben muss, in unendlichen Variationen. Ihre Lieder haben keinen Richtungssinn, sie warten nicht auf Applaus und beginnen schon mit Zugaben. Ich sollte die Vermenschlichung nicht zu weit treiben, nur weil ich keine Ahnung von Vögeln habe.

Es gibt ja diese Menschen, die stundenlang mit Fernrohr und dicken Vogelkundlerbüchern auf der Lauer sitzen, vollkommen im Glück und ohne Suche nach Gleichnissen für irgendwas. Der Schriftsteller Jonathan Franzen gehört dazu und meine Mutter. Ich aber will sie nicht unterscheiden können oder sortieren, mich auch nicht an seltenen Exemplaren erfreuen, ich will mir in diesem Moment auch keine Sorgen machen um ihren Fortbestand, ich liege einfach in meinen Kissen und höre ihnen zu, lasse mich forttreiben von ihren Stimmen, ohne mich in ihr Gefieder und die Krümmung ihrer Schnäbel vertiefen zu wollen. Sie sind einfach da. Und ihre Musik hat keinen Zweck, außer Musik zu sein, ein vielstimmiger Jubel, ein himmlischer Morgensound, den schon zwei Stunden später der Lärm der Stadt übertönt. Deshalb bin ich ihnen nicht mal gram, weil sie mich täglich viel zu früh aus dem Schlaf reißen.

Gestern war der Sonntag Kantate. Die Menschen an diesem Sonntag geben sich Mühe, die Kirchen mit Gesang zu erfüllen. Große Kunst oder einfach nur gemeinsam singen. Aber irgendeine andere Botschaft muss doch immer kommen, eine Frage, eine Aufforderung, eine Position oder eine Pointe. "Was halten Sie vom Söderkreuz? Wie bewerten Sie das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum kirchlichen Arbeitsrecht? Was tun Sie gegen den Schimmel in unserer Orgel, was gegen die Kirchenaustritte, bitte in drei Sätzen und auf den Punkt." Morgens um fünf ist der Statement-Protestantismus noch Stunden entfernt, wenn ich mich vom Sound der Vögel forttragen lasse ins Blaue. Einfach nur da sein.