Er hat die Welt jahrelang hinters Licht geführt. Mit Gemälden, die er namhaften Meistern zugeschrieben und für Millionen verkauft hat, obwohl sie von ihm selbst gemalt waren: Wolfgang Beltracchi, 67 Jahre alt. Er ist einer der schillerndsten Kunstfälscher der Gegenwart. Wir treffen ihn in der Hamburger Kunsthalle, seine Frau Helene ist dabei. Schon am Eingang macht Beltracchi klar, wie wenig er von Regeln hält: Seine Tasche soll draußen bleiben. Beltracchi diskutiert, meckert, dann erst schließt er sie doch ein. Wenn Beltracchi sich den Regeln beugt, dann nicht aus Höflichkeit, sondern weil ihm nichts anderes übrig bleibt. Diese Arroganz bleibt, während er beim Rundgang über Hieronymus Bosch lästert oder Affenskulpturen von Jörg Immendorff so beiläufig betatscht, als wäre er auf einem Flohmarkt.

DIE ZEIT: Herr Beltracchi, sehen Sie hier unentdeckte Fälschungen, die Sie gemalt haben?

Wolfgang Beltracchi: Dazu sage ich nichts.

ZEIT: Ist Salvator Mundi Ihr bislang größter Coup?

Beltracchi: Wie meinen Sie das?

ZEIT: Das Gemälde wird Leonardo da Vinci zugeschrieben, aber es gibt Zweifler. Ist es von Ihnen?

Beltracchi: Nein, damit habe ich nichts zu tun. Aber ich bin sicher, dass diese Schwarte nicht von Leonardo ist, auch wenn sie aus seiner Zeit stammen könnte. Leonardo war ein Gelehrter und Wissenschaftler, der hätte Jesus Christus nie mit Glaskugel als Accessoire so schlecht gemalt.

ZEIT: Das Bild wurde 2017 für einen Rekordpreis von 450 Millionen Euro versteigert.

Beltracchi: Der Fall ist typisch für den heutigen Kunstmarkt: Ein paar clevere Leute ziehen an den richtigen Strippen und machen den großen Reibach. Das Auktionshaus freut sich, die Käufer und ihr Museum in Abu Dhabi freuen sich, die Touristen freuen sich. Deswegen wird kein Experte dieses Bild je wieder auf seine Urheberschaft untersuchen dürfen.

ZEIT: Werden bei Ihnen noch Fälschungen angefragt?

Beltracchi: Ja. Noch als ich im offenen Vollzug war, hat mir jemand 25 Millionen Dollar für zwei Bilder geben wollen. Die Werke waren für Kunstfonds gedacht, noch so ein Irrsinn des Kunstmarkts. Diese Fonds laufen viele Jahre, und selbst wenn der Betrug am Ende herauskommt, ist er schon verjährt.

ZEIT: Und da werden Sie nicht mehr schwach?

Beltracchi: Niemals.

ZEIT: Was malen Sie denn heute so?

Beltracchi: Neulich zum Beispiel Luther in der Handschrift von Lucas Cranach.

ZEIT: Wie in Ihrer Zeit als Kunstfälscher, nur dass Sie sich die Unterschrift von Cranach sparen?

Beltracchi: Genau. Es sieht aus wie Cranach, aber es steht natürlich Beltracchi drunter.

ZEIT: Sind alle Künstler gleich leicht zu imitieren?

Beltracchi: Ich imitiere nicht, ich nutze die Handschrift der Künstler. Einen Fernand Léger zu malen ist keine Sache, ein Hieronymus Bosch ist reine Fleißarbeit. Caravaggio hingegen projizierte Motive auf seine Leinwand – das zu malen ist schwer.

ZEIT: Haben Sie überhaupt einen eigenen Stil?

Beltracchi: Niemand hat eine eigene Handschrift! Jeder Maler schöpft aus der Kunstgeschichte. Das ist auch gut so, damit nicht so viel gruseliges Zeug entsteht.

ZEIT: Gruseliges Zeug?

Beltracchi: Wenn ein Künstler jahrelang immer gleiche Bilder rakelt oder jemand im Baumarkt ein paar Holzteile kauft und 50 Nägel reinhaut, denkt er vielleicht, das sei was Individuelles. Aber das ist doch nicht wirklich kreativ! Wenn jemand aber zehn Bilder von mir nebeneinanderhängt, sehen die alle anders aus. Ich male, weil ich es kann.

ZEIT: Bescheidenheit ist nicht Ihre Stärke, oder?

Beltracchi: Kunst ist nicht bescheiden.

ZEIT: Wie genau muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Beltracchi: Bei mir geschieht die Malerei ganz von selbst: Mit der einen Gehirnhälfte mische ich Farben und male Bellini, van Gogh. Mit der anderen Hirnhälfte löse ich Kreuzworträtsel oder unterhalte mich. Meine Frau nennt das einen genetischen Defekt.

ZEIT: Gibt es Maler, zu denen Sie aufschauen?

Beltracchi: Max Beckmann zum Beispiel. Ich male ihn gerne.

ZEIT: Eine Zeit lang waren Sie im Fernsehen zu sehen, haben auf 3sat Prominente gemalt. Warum ist das vorbei?

Beltracchi: Fürs Fernsehen hatte ich in den letzten Monaten keine Zeit, ich musste zu viel anderes malen. Mit dem Schweizer Fernsehen planen wir gerade eine Serie namens Academia Beltracchi, in der ich mit Kunstschülern kunsthistorisch wichtige Orte besuche und ihnen Tipps gebe.

Seine Frau Helene mischt sich ein, er solle bitte den Auftritt an der Hochschule für Bildende Künste Zürich nicht vergessen. "Ein Riesenerfolg" sei das gewesen, sagt Beltracchi. Zum Beweis schickt Ehefrau Helene später Fotos, die einen Saal voller Studenten zeigen.

ZEIT: Was können Studenten von Ihnen lernen?

Beltracchi: Ich habe denen erst mal deutlich gesagt: Hier im ganzen Saal ist wahrscheinlich keiner, der Talent hat, die Professoren eingeschlossen.

ZEIT: Gab es Buhrufe?

Beltracchi: Nein. Ich habe nämlich auch gesagt: Macht euch keine Sorgen. Auch als talentfreie Menschen könnt ihr in der Kunst Erfolg haben.

ZEIT: Wie das?

Beltracchi: Übung hilft, klar. Aber man braucht im Kunstmarkt vor allem gute Connections.

ZEIT: Wie definieren Sie Talent – und haben Sie selbst welches?

Beltracchi: Talent ist zuerst nur eine Begabung, die man zu künstlerischem Vermögen ausbilden kann, ohne Wissen kann aber keine Kreativität entstehen – und ich mache daraus Kunst.

Zeit, dass Beltracchi etwas malt. Kein Gemälde, sondern Kurven, die zeigen, wie Glück, Geld, Liebe und Freiheit in seinem Leben geschwankt haben. Mit der Freiheitskurve geht es los: Beltracchi erzählt von seiner Kindheit zwischen Schweinen und Hühnern und mit einem Vater, der Kirchenmaler war. Er hat sich sehr frei gefühlt, bis er in die Schule kam. Mit Regeln hält Beltracchi es nicht aus.