Die Anspannung ist Alexander Biach nicht anzumerken. Der 44-jährige Vorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger zieht das Sakko aus, hängt es über einen Stuhl, lehnt sich zurück und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. Ganz so, als wolle er herausfordernd fragen: Ist was?

Die Gelassenheit ist vielleicht nur gut gespielt. Seit zwei Wochen steht Biach im Zentrum eines Konflikts, der für andere wahrscheinlich nervenaufreibend wäre: Regierung gegen Sozialpartner.

Alexander Biach hat sich vehement gegen die Vorwürfe der Regierung, die Sozialversicherungen seien eine Privilegienoase, gewehrt – obwohl er selbst mehr als sein halbes Leben in der ÖVP verbrachte und der Partei seine Karriere verdankt. Als Revoluzzer ist er nie aufgefallen, dafür als ehrgeizig und loyal – als Vertreter der alten Funktionärsgarde aus Sozialpartnertagen, die in der neuen, türkisen Volkspartei, in der ein Widerwort aus den eigenen Reihen fast schon als Hochverrat gilt, nicht mehr viel zu sagen hat.

In einem farblosen Bürogebäude im dritten Bezirk in Wien sitzt der Hauptverband. Hier laufen die Fäden der öffentlichen Kranken-, Pensions- und Unfallversicherung zusammen – 8,8 Millionen Versicherte, für die jährlich 17,5 Milliarden Euro über die Krankenversicherung ausgegeben werden, dazu 40,3 Milliarden Euro für Pensionisten. Der erste Brief, den Neugeborene bekommen, ist meist die E-Card der Sozialversicherung.

In den langen Gängen ist jedes Flüstern zu hören. Im schmucklosen Büro des Vorsitzenden geht ein Termin in den nächsten über. Hinter Biachs Schreibtisch steht ein Helm auf dem Regal. Egal durch welche der beiden Türen man eintritt, er ist sofort zu sehen. Es soll zeigen: Der Chef kommt mit der Vespa und nicht im Dienstwagen.

Vor zwei Wochen schoss sich die Bundesregierung auf die Sozialversicherungen ein. In einem Papier war von vielen Funktionärslimousinen die Rede, von Milliarden Euro an Rücklagen, mit denen spekuliert werde, und von Luxuspensionen. Hauptverbands-Chef Biach konterte: Die angeblichen Dienstwagen seien großteils Transportfahrzeuge, Autos für Beitragsprüfer, Gesundheitsdienstleister und für Krankenbesuche. Zudem seien die Rücklagen gesetzlich angeordnet und die üppigen Pensionen eine Altlast. Die Replik genügte, um alle in Aufregung zu versetzen.

Er habe lediglich Fakten dargelegt, sagt Biach. Er wolle sich das gute System nicht schlechtreden lassen. "Eine Verhandlung über Reformen kann man nicht so eröffnen. Das war unqualifiziert." Andererseits könne er verstehen, wie solche Papiere entstehen. Alexander Biach war bereits in so einer Situation, vor 15 Jahren, und zwar auf der anderen Seite.

In der schwarz-blauen Regierung von Wolfgang Schüssel arbeitete Biach im Kabinett von Verkehrsstaatssekretär Helmut Kukacka. Im Jahr 2003 stand die Reform der ÖBB an. Und was tat der junge, ehrgeizige Mitarbeiter? Er vertiefte sich in Rechnungshofberichte, suchte nach ÖBB-Privilegien – die mit der Debatte um diese Reform nichts zu tun hatten – und spielte sie der Kronen Zeitung zu. Die Folge: Zwischen Gewerkschaft und Regierung entbrannte ein Streit, die Kontroverse schaukelte sich hoch und führte zum längsten Streik der Zweiten Republik. "Das hat der Regierung nicht gutgetan", sagt Biach heute, "aber ich kenne dieses Spiel sehr gut."