Er kann den Blick nicht abwenden. Der Mann mit den ungestümen grauen Locken rückt auf seinem Hocker, der aussieht, als entstamme er einem Atelier, immer näher an den Bildschirm heran. Alles hier erinnert an den Wirkungsort eines Künstlers. Staffeleien, Plakate an der Wand, dazwischen Sofas und Sessel, große Tassen und jede Menge Bücher, Tafeln.

Der Mann trägt eine Teddyfellweste und schaut gebannt auf die Szenen, die sich vor seinen Augen entfalten, wackelig und leicht unscharf. Die Präsentation stammt aus London, wird online übertragen und zeigt eine Szene am Stuttgarter Flughafen: Ein älteres Ehepaar möchte in ein Taxi einsteigen, der Fahrer wartet geduldig – oder gelangweilt? Jedenfalls merkt er nicht, dass die Frau Hilfe benötigt. Ihr Mann eilt schließlich um das Auto herum und assistiert ihr. Es folgen Szenen vom Stuttgarter Hauptbahnhof, mit Taxis, Linienbussen, dem ganzen Gewusel des Personentransports. Dann erscheint ein Gesicht auf dem Bildschirm, eine junge Frau spricht zum Lockenkopf: "Menschen finden Lösungen, wenn etwas anders läuft als erwartet. Aber was ist mit Robotern?"

Alexander Mankowsky, der Mann auf dem Hocker, arbeitet als Zukunftsforscher für Daimler. Und deshalb schaut er Szenen aus seiner offiziellen Heimat Stuttgart in einer Präsentation aus London in Berlin an. Vielleicht hilft das ja, die Zukunft klarer zu sehen. Die Londoner Forscher des Start-ups Humanizing Autonomy haben für Mankowsky analysiert: Welche Interaktionen sind relevant beim Taxifahren? Was wird aus ihnen, wenn die Taxis bald fahrerlos sind? Alle reden von autonomen Fahrzeugen, in Kalifornien fahren die ersten ohne Lenkrad auf den Straßen. "Aber die Interaktion mit den Robotertaxis ist kaum erforscht!", ruft Mankowsky.

Sein offizieller Arbeitsort mag Stuttgart sein, seine Berliner Dependance ist der bessere Ort, um zu begreifen, was Zukunftsforschung für einen Technikkonzern bedeutet. Extended Wohnzimmer lautet der denglisch-retrofuturistische Name dieses Kreativzentrums in einer alten Fabriketage. Zwischen großformatigen Filmplakaten aus der Vergangenheit versucht Mankowsky hier die Zukunft für die Gegenwart einzuordnen. Von THX 1138: The Future Is Here, George Lucas’ erstem Spielfilm, der bereits 1971 die Angst vor dem Identitätsverlust des Einzelnen in einer technisierten Welt thematisierte, bis zu Ex Machina von 2014, der Vision manipulativ-emotionaler Roboter.

Mit dem Umweg über London schaut Mankowsky nach Stuttgart; mit dem Umweg über die Vergangenheit in die Zukunft; der nächste perspektivische Umweg parkt im Hof: Nach der Videokonferenz besteigt der Zukunftsforscher zwischen Backsteingebäuden seinen roten Mercedes 300 TE-24, Baujahr 1992, beinahe ein Oldtimer. "Das ist mein Zeit-Anker", sagt er und grinst, als er auf dem mit rotem Samt überzogenen Fahrersitz Platz nimmt. Das Auto stammt aus einer Zeit, als die Industrie noch Träume verkauft hat, anstatt ihre Produkte zu verteidigen. Kann man unter den gegenwärtigen Vorzeichen die Zukunft des Automobils überhaupt denken? "Ja klar." Mankowsky klingt ehrlich irritiert, wenn die Krise des Verbrennungsmotors als Frage bei ihm landet. "Eine Zukunft schaffst du nicht über den Status quo, der ist für eine Vision einer emissionsfreien Mobilität irrelevant."

In 30 Jahren, prognostiziert er, werde es wohl noch eine Mischung geben aus elektrischen und Verbrennungsmotoren: "Dann vielleicht angetrieben durch grünen Treibstoff, beispielsweise aus synthetisch erzeugtem Kohlenwasserstoff." Rudolf Diesel wird dann womöglich zu neuen Ehren kommen: "Der war schließlich ein Sozialrevolutionär." Plötzlich spricht Mankowsky über den Solidarismus, der Diesels Haupterfindung sei, denn mit seinem Motor habe er es den Menschen ermöglichen wollen, draußen in der gesunden Luft zu arbeiten anstatt in der Fabrik neben der Dampfmaschine. Der, dessen Name heute für Dreck steht, wollte einst saubere Luft für seine Mitmenschen. Wieder so ein Perspektivwechsel.

Mankowsky erzählt vom Jahr 2007, als in der Wüste Nevadas ein Experiment zum autonomen Fahren stattfand, auf Einladung der Darpa, des Forschungsarms des US-Verteidigungsministeriums. Er habe einen Truppenübungsplatz mit militärischer Stimmung erwartet – und etwas völlig anderes angetroffen. Ein Knäuel aus lebenslustigen, freundlichen Männern, Frauen und Kindern in kreativer Stimmung, lachende Menschen, die Spaß am Experimentieren mit selbst fahrenden Vehikeln hatten. Ein Aha-Erlebnis für ihn: Nun sei nicht mehr nur die Technologie reif fürs autonome Fahren! "Wenn soziale und kulturelle Energie mit Technik zusammenkommt, dann wird es was", sagt er. "Wenn du hingegen nur Techniker siehst, die da alle stehen in ihren Karohemden, und vorne steht ein Unternehmensberater, dann wird es eher nichts."

Womit er, diese Unterstellung liegt nahe, das Habitat seines Arbeitgebers meint und im weiteren Sinne die Autostadt Stuttgart, in die er 2006 "umgezogen wurde". Heute, vom Kreativwohnzimmer aus, sagt der gebürtige Berliner versöhnt: "Es wäre doch seltsam, für Daimler zu arbeiten und nie dort gewesen zu sein." Er habe das Gefühl gebraucht, für den Konzern und für die Automobilmetropole. Und umgekehrt: "Die Leute hören einem eher zu, wenn man sich kennt." Während er unter Berliner U-Bahn-Brücken hindurchfährt, beschreibt er die Litfaßsäule am Neckartor, Stuttgarts Feinstaub-Hotspot. "Auf der Säule stand 'Kultur', aber darunter nichts. Und dann der Satz: 'Hier fahren täglich 250.000 Autos vorbei, der ideale Platz zum Werben'." Er lässt das wirken, während er auf den Parkplatz der Kunsthochschule Weißensee einbiegt.

Kurz darauf läuft er direkt vor einen Linienbus. "156 Prenzlauer Allee" steht auf dem Monster. Ein erschrockener Blick auf der einen Seite, grellgelbe Scheinwerfer auf der anderen. Mankowsky springt auf den Gehweg. Puh. Er streicht sich über die grauen Locken, die ihn zusammen mit den zur Halbglatze gewachsenen Geheimratsecken ein bisschen wie Einstein wirken lassen. Er sehe sich, erklärt er nach dem Beinaheunfall ungerührt, als "Industriepartner".