Fast alle angehenden Ärzte nutzen die Lernplattform Amboss, die von ehemaligen Medizinstudenten entwickelt wurde.

Es gibt da diesen Witz. Ein Medizinstudent, ein Informatikstudent und ein Philosophiestudent erhalten die Aufgabe, ein Telefonbuch auswendig zu lernen. Der Philosophiestudent fragt: "Warum?" Der Informatikstudent schreibt ein Programm, das die Aufgabe für ihn erledigen soll. Und der Medizinstudent fragt: "Bis wann?"

"Dabei kommt der Medizinstudent etwas dümmlich weg", sagt Christian Stamov Roßnagel. Er ist Organisationspsychologe am Zentrum für lebenslanges Lernen an der Jacobs University in Bremen. "Aber das ist Blödsinn", sagt er. In jedem Studienfach gebe es Grundlagen, die man kennen müsse. "Der wahre Kern des Witzes ist: Bei den Medizinern sind diese Grundlagen enorm umfangreich, und sie müssen häufig in extrem kurzer Zeit bewältigt werden."

Es ist die perfekte Ausgangslage für Amboss. Vor knapp sechs Jahren kam die Lernplattform fürs Medizinstudium auf den Markt, heute dominiert sie ihn: 95 Prozent aller Medizinstudenten, die sich auf das abschließende Staatsexamen vorbereiten, nutzen laut Nutzerstatistiken Amboss. Viele loggen sich bei der Lernplattform häufiger ein als bei Facebook oder Instagram.

Damit lässt sich auch lernen, während man auf den Bus wartet. Man liest etwa eine Fallgeschichte über eine Patientin mit einseitigen Schmerzen im Bein, das geschwollen und rot verfärbt ist. Gibt man die falsche Diagnose ein, erklärt einem Amboss, warum sie falsch ist, und liefert die richtige: tiefe Beinvenenthrombose. Folgt man einem Link, lassen sich die anderen Symptome der Erkrankung anschauen.

Sievert Weiss, Mitte 30, ist einer der drei Gründer des Start-ups Miamed*, das Amboss konzipiert hat und vertreibt. Er sagt: "Wir wollen dem Lernenden die Arbeit abnehmen, das riesige medizinische Wissen zu ordnen, zu strukturieren, in Bezug auf den jeweiligen Anlass zu durchsuchen und das Wesentliche aus verschiedenen Stellen mühsam zusammenzutragen." All das mache Amboss von selbst. Es suche nicht nur das jeweils Passende an Wissen heraus, es stelle dabei auch dar, worauf es ankomme.

Weiss hat seine beiden Gründerkollegen Madjid Salimi und Kenan Hasan 2004 im Medizinstudium in Göttingen kennengelernt. Gemeinsam paukten sie für Klausuren, Prüfungen und Examina. Litten unter der gewaltigen Menge an Wissen, aus der immer wieder neu und mit viel Zeitaufwand das herausgesucht werden musste, was man gerade brauchte. Die drei versuchten, eine bessere Lösung für diese Aufgabe zu finden. Die ersten Monate waren eine klassische Start-up-Geschichte: Sie konnten nicht genügend Geld auftreiben, sie arbeiteten abends, sie arbeiteten am Wochenende, manchmal nahe am Verzweifeln.

Mehrere Jahre später aber, nach zahlreichen Absagen und wenigen Zusagen, haben sie es geschafft. Und mit Amboss, das nach einem der Knöchelchen im Gehörgang des Menschen benannt ist, eine hochauflösende Landkarte des medizinischen Wissens erschaffen. Sie lässt sich nach Krankheiten strukturieren, nach Organsystemen, nach Fächern, nach Stichworten.

Kein Atlas mit Bildern und vielen Visualisierungen. Amboss ist textlastig und unspektakulär. Man loggt sich auf einer Internetseite mit seinen Zugangsdaten ein und landet in einem schlichten Text-Menü. Es gibt den Punkt "Bibliothek", über den man sich über verschiedene Untermenüs zu seinem Ziel klicken kann, zum Beispiel: Klinisches Wissen – Gynäkologie – Geburtshilfe – Erkrankungen der Schwangeren – Diabetes in der Schwangerschaft. Hier wartet dann jeweils eine sogenannte Lernkarte, die ausgedruckt durchaus mehrere Seiten umfassen kann. Die Lernkarte ist wiederum in zahlreiche Unterpunkte gegliedert.