Frage: Frau Kramp-Karrenbauer, Sie haben mal gesagt, dass Sie aus einer katholisch-konservativen Familie kommen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Annegret Kramp-Karrenbauer: Es war eine ganz normale Familie, wie es sie im Saarland sehr viele gab und auch heute noch gibt. Das heißt: Ich habe fünf Geschwister. Mein Vater war Lehrer, meine Mutter Hausfrau. Meine Eltern waren vom Krieg sehr geprägt und haben sich ihr Leben lang zur katholischen Kirche bekannt. Sie waren aber nicht strenggläubig. Sie gingen pragmatisch mit ihrer Religion um. Das ist eine typisch saarländische Wesensart.

Frage: Der Glaube hat Ihren Alltag geprägt?

Kramp-Karrenbauer: Genau, sonntags gingen wir in die Kirche, vor dem Essen beteten wir. Der Glaube hat den Rhythmus unserer Woche bestimmt. Manches habe ich aber auch als Restriktion empfunden: Karfreitag fand ich als Kind zum Beispiel schrecklich. Es war ein Tag ohne Ablenkung und mit strikten Essensregeln. Erst später habe ich angefangen, mich selbst mit dem Glauben auseinanderzusetzen.

Frage: Was hat Sie da beschäftigt?

Kramp-Karrenbauer: Ich wollte Messdienerin werden – wie meine Brüder. Mädchen durften das damals aber nicht. Das hat mich sehr geärgert. Damals habe ich zum ersten Mal gespürt: Ich will da mitmachen, und ich darf nicht. Auch in der Politik hat mich diese Frage später sehr umgetrieben: Wo stehen die Frauen, was dürfen Frauen – und was dürfen sie nicht? Wo müssen sie besonders kämpfen?

Frage: Haben Sie gekämpft, um doch noch Messdienerin zu werden?

Kramp-Karrenbauer: Ich habe einen Weg gefunden. Es gab eine Frühmesse in einem Altenheim, das von Nonnen unterhalten wurde. Morgens um sieben Uhr! Da fanden sich nie genügend Jungs, die bereit waren, so früh aufzustehen. Nur in dieser Messe durften Mädchen dienen. Nur dort. Und das hab ich dann auch gemacht.

Frage: Ist Ihnen die Messe heute immer noch so wichtig?

Kramp-Karrenbauer: Zur Wahrheit gehört auch: Früher bin ich oft in die Kirche gegangen, weil ich musste. Wenn ich heute gehe, dann, weil ich auch ein echtes Bedürfnis dazu habe. Trotzdem gehe ich nicht so regelmäßig wie meine Eltern damals.

Frage: Wie fand Ihre Mutter das denn?

Kramp-Karrenbauer: Da gab es damals schon Anrufe nach dem Motto: "Na, ich hab dich gar nicht in der Kirche gesehen. Ist was dazwischengekommen?" Egal, wie erwachsen und wie alt man ist – man ist immer noch auf eine gewisse Weise Kind, solange die eigenen Eltern leben. Und bei bestimmten Anrufen steht man innerlich stramm.

Frage: Wie unterscheidet sich Ihr Glaube von dem Ihrer Eltern?

Kramp-Karrenbauer: Mein Alltag ist nicht so geprägt und durchdrungen von den Traditionen, von den Vorgaben des Glaubens, wie das bei meinen Eltern der Fall war. Für mich ist Glaube etwas sehr Persönliches. Er richtet sich nach innen.

Frage: Sie haben selbst drei Kinder. Reden Sie mit ihnen über diese Themen?

Kramp-Karrenbauer: Meine Kinder sind fast erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Sie haben eine sehr kritische Einstellung zur Kirche. Es sind vertauschte Rollen: Früher war ich diejenige, die ihren Eltern in dieser Hinsicht viel zugemutet hat. Meine Mutter hat immer zu mir gesagt: Ich wünsche dir, dass du auch mal Kinder bekommst und solche Diskussionen führen musst. Heute erkenne ich, wie schwierig es ist, als Mutter diese Gespräche zu führen.