Auf der Reise zurück in sein Königreich fand Odysseus bekanntlich nicht den direkten Weg. Stattdessen brachte er (nach der Schlacht um Troja) einen zehnjährigen Grenzerfahrungstrip hinter sich. Wie eine Flipperkugel jagte ihn die Natur mit ihren fantastischen Erscheinungen kreuz und quer über das Mittelmeer. In der Odyssee beschrieb Homer vor knapp 3.000 Jahren wilde Strömungen, Wirbelstürme, Vulkane und noch eine ganze Palette weiterer Unannehmlichkeiten, die seinen Zeitgenossen drohten, wenn sie sich aufs Meer hinauswagten.

Wenn Archäologen etwas weiter zurückblickten, auf die angeblichen Anfänge der Schifffahrt, dann beschrieben sie Zeiträume, die nur ein paar Millennien weiter zurücklagen. Erst vor 9.000 bis 10.000 Jahren, so lautete lange die Lehrmeinung, hatten die Menschen begonnen, das offene Mittelmeer zu befahren. "Die Orthodoxie bis vor Kurzem war, dass es vor der frühen Bronzezeit keine Seefahrer gab", sagte der Archäologe John Cherry von der Brown University jüngst auf einem Treffen der Society for American Archaeology. Die Schifffahrt, habe man geglaubt, sei parallel mit Landwirtschaft und Viehzucht aufgekommen.

Doch offenbar hatten auch die schippernden Bronzezeitler Vor- und Vorvorgänger. Zu viele Fundstücke sind in den vergangenen Jahren aufgetaucht, als dass die Theorien von deutlich früheren Seefahrten als Hirngespinst abgetan werden könnten. Hunderte Steinwerkzeuge aus den Sedimenten der Insel Kreta sind mindestens 130.000 Jahre alt. Damit stellen sich zwei Fragen: Wie sind sie da hingekommen? Und wer hat sie dort liegen lassen?

Vor acht Jahren verursachte der US-Archäologe Thomas Strasser noch Kopfschütteln, als er behauptete, seine kretischen Funde – Hacken, Schaber, Faustkeile – würden belegen, dass bereits der Neandertaler Expeditionen auf schwimmenden Untersätzen hinter sich gebracht habe. Da die Steinwerkzeuge jenen Geräten ähnelten, die schon vor 800.000 Jahren in Afrika in Gebrauch gewesen waren, sei es sogar möglich, dass bereits der Homo erectus, einer der Vorgänger des modernen Menschen, erfolgreich über das Wasser navigiert sei. Selbst diese These ist heute nicht mehr abwegig.

Die inzwischen überholte Lehrmeinung basierte auf den ältesten Belegen für Seefahrer-Equipment. Niederländer hatten ein 10.000 Jahre altes Boot aus dem Schlick gezogen. Und auf 4.500 Jahre alten ägyptischen Darstellungen sind Segel zu erkennen. Dass sich keine älteren Nachweise fanden, hat einen einfachen Grund: Holz vermodert. Auch auf Kreta lagen keine steinzeitlichen Holzreste im Boden, sondern Steinwerkzeuge.

Trotzdem erzählen diese Funde Seefahrergeschichten. Selbst in Eiszeiten, als der Meeresspiegel tiefer lag, war Kreta eine Insel – wie in den fünf Millionen Jahren zuvor. Die Werkzeugmacher konnten nur übers Wasser gekommen sein. Und da Homo sapiens damals erst allmählich seine Präsenz nördlich von Afrika verstärkte, könnte es durchaus der Neandertaler gewesen sein, der sich als steinzeitlicher Odysseus den Strömungen und Winden des Mittelmeers aussetzte und von Insel zu Insel reiste.