DIE ZEIT: Herr Laschet, Angela Merkel sagt, dass Deutschland ein gespaltenes Land sei. Wie kann man das heilen?

Armin Laschet: Ich bin mir gar nicht sicher, ob das Land wirklich gespalten ist. Wenn ich allerdings in die sozialen Netzwerke oder andere Medien schaue, sehe ich schon eine gespaltene Diskussion. Da ist die Tonlage heftig. Ich glaube, dass man durch Sprache heilen und durch differenziertes Hinschauen Polarisierung auffangen kann.

ZEIT: In Ihrem Buch über die Aufsteiger-Republik Deutschland haben Sie sich vor knapp zehn Jahren ein Deutschland im Jahr 2024 vorgestellt, in dem Migranten aufsteigen, Integration ein Hoffnungsprojekt ist und in dem ganz selbstverständlich jemand mit Migrationshintergrund Bundespräsident sein kann. Sind wir heute näher dran an diesem Szenario oder weiter entfernt als vor zehn Jahren?

Laschet: Wir sind weiter weg. Deutschland ist immer noch ein weltoffenes, freundliches Land, aber die Diskussion ist angespannter und komplizierter, als sie es vor zehn Jahren war. Ich glaube nicht, dass der Bruchpunkt im September 2015 lag, da gab es eine große Aufnahmebereitschaft in der Gesellschaft. Die Flüchtlingszahlen sind seit 2016 ja auch wieder deutlich zurückgegangen. Der eigentliche Bruch war die Kölner Silvesternacht. Das war für viele ein Treffer ins Mark, weil sie erlebten, dass der Rechtsstaat nicht mehr die Oberhand hatte.

ZEIT: Kann man Fremde eigentlich gleichzeitig integrieren und abschrecken?

Laschet: Abschrecken ist für mich keine Kategorie. Das Entscheidende ist ein klares Regelwerk, das zwischen Asylberechtigten und Flüchtlingen einerseits und Einwanderern andererseits unterscheidet. Menschen in Not werden wir auch weiterhin helfen. Wer aber nicht schutzbedürftig ist, muss in der Regel zurückkehren. Und wer dauerhaft einwandern darf, muss in einem Einwanderungsgesetz definiert werden. Dieses Gesetz brauchen wir schnell.

ZEIT: Wo müssen wir besser werden: beim Integrieren oder beim Abschieben?

Laschet: Bei beidem. Bei der Integration sind wir schon ganz gut. Beim Vollzug der Abschiebung haben wir großen Nachholbedarf.

ZEIT: Bundesinnenminister Horst Seehofer hat die Vorfälle von Ellwangen "einen Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung" genannt. Und sein Parteifreund Alexander Dobrindt spricht von einer "aggressiven Abschiebe-Industrie". Ist das so?

Laschet: Für mich gilt: Je angespannter die Lage ist, desto weniger sollten Worte die Stimmung anheizen. Das gilt übrigens in der internationalen Politik genauso wie in der Landespolitik. Suaviter in modo, fortiter in re – verbindlich im Ton, hart in der Sache. Als Ministerpräsident habe ich mir vorgenommen, nicht nur zu diskutieren, sondern vor allem Probleme zu lösen.

ZEIT: Ist Ellwangen ein Beleg dafür, dass es eben nicht besonders gut ist, sehr viele Flüchtlinge, die oft junge Männer sind, in großen Zentren unterzubringen?

Laschet: Nein. Ein paar junge Männer haben versucht, eine Abschiebung zu verhindern. Am nächsten Tag hat sich der Rechtsstaat durchgesetzt. So eine Situation kann immer auftreten. Ich halte es trotzdem für richtig, dass man zwischen denen trennt, die eine Bleibeperspektive haben, und denen, die keine haben – und zwar bevor man die Menschen in die Kommunen überweist. Es ist falsch, die Leute gleich im Land zu verteilen und dann die Landräte und Bürgermeister mit den Problemen alleine zu lassen.

ZEIT: Also wird sich Nordrhein-Westfalen am Aufbau der sogenannten Ankerzentren beteiligen, die Innenminister Seehofer plant?

Laschet: CDU und FDP haben sich schon vor dem Berliner Koalitionsvertrag auf Landeszentren verständigt. Ich habe das dann im Bund mitverhandelt, die Idee ist richtig, jetzt kommt es auf die Ausgestaltung und Finanzierung an. Wir brauchen unter einem Dach faire und vor allem schnelle Entscheidungen darüber, wer bleiben darf und wer nicht. Diesen Weg gehen wir auch in Nordrhein-Westfalen, wo wir künftig möglichst nur noch anerkannte Flüchtlinge oder Personen mit guter Bleibeperspektive den Kommunen zuweisen.