Dass ein Bürgermeister nach 16 Jahren im Amt abgewählt wird, ist ja erst einmal nichts Außergewöhnliches. Auch die beliebtesten und erfolgreichsten Politiker sind nach einer solchen Zeit nur sehr selten noch beliebt und erfolgreich. Und so ist es eigentlich kaum der Rede wert, dass sich die Freiburger am vergangenen Sonntag für den weithin unbekannten, parteilosen Kandidaten Martin Horn und gegen den grünen Amtsinhaber Dieter Salomon, der auch von der CDU unterstützt wurde, entschieden haben. Wie gesagt: eigentlich.

Denn zunächst ist Salomon nicht bloß irgendein Oberbürgermeister. Der ehemalige Chef der Grünen-Fraktion im Landtag ist einer der Väter des grünen Konservatismus südwestdeutscher Prägung – und seine Wahl vor 16 Jahren legte das Fundament für den Aufstieg der Grünen zur Volkspartei in Baden-Württemberg.

Nun könnten sich die Vorzeichen umkehren. Denn die Abwahl Salomons fällt in eine Zeit, in der die grün-schwarze Landesregierung in einer tiefen Krise steckt. Wegen einer Summe von Kleinigkeiten, dem Streit um eine Wahlrechtsreform, einer erst im zweiten Wahlgang gewählten Vizepräsidentin des Landtags, droht die CDU damit, die Koalition zu verlassen. Gewiss, noch sehen die Umfragen für die Grünen gut aus, der Ministerpräsident ist beliebt (aber auch schon bald 70). Und doch scheint das "Projekt BaWü" der Realo-Grünen gefährdet, denn zwei tragende Säulen, auf die sich die Südwest-Grünen stützen, sind brüchig geworden.

Zum einen ist das die innergrüne Arithmetik. Die Ökolibertären, wie sich die Gruppe um Kretschmann in den 1980er Jahren nannte, waren eine Formation, die ohne die innergrünen Gegensätze überhaupt nicht zu denken wäre. Als konzentrierteste Ausprägung des Realotums arbeiteten sie sich ab an den Umverteilungsplänen und dem Verbotsdogmatismus, den sie ihren Gegnern vom linken Flügel unterstellten, und betonten stattdessen die konservative und freiheitliche Wurzel grüner Politik. Ihr Profil schliffen sie dabei in Kämpfen, die heute seltsam gestrig scheinen. Dem neuen Realo-Führungsduo der Bundespartei ist es in bemerkenswert kurzer Zeit gelungen, die alten Kategorien vergessen zu machen. Aus dem einst mächtigen linken Flügel ist ein Flügelchen geworden, das auch nicht so recht zu wissen scheint, wozu man es eigentlich noch braucht.

Für die Südwest-Grünen, die ihre Politik jahrzehntelang im Abstand zu den Linken in ihrer Partei vermaßen, ist allerdings gerade das ein Problem. Wenn Forderungen, die früher für wochenlange Debatten gesorgt hätten, heute niemanden mehr aufregen, wenn man von der überzeugungsfesten Minderheit zur gefühlten Mehrheit geworden ist, verblassen die Konturen, die Avantgarde verliert das Ziel. So war es oft in der Geschichte politischer Bewegungen.

Daraus ergibt sich nun ein zweites Problem, das die bündnispolitische Säule des grünen "Projekts BaWü" berührt. Die Abstand-nach-links-Politik lebte schließlich von der koketten Umarmung des Gegners, der CDU hieß. Während die Grünen im Bund und in beinahe allen Ländern noch treu auf rot-grünem Kurs steuerten, träumte man in Baden-Württemberg längst von Schwarz-Grün, von einer Vereinigung des neu- und altbürgerlichen Lagers. Früher als in allen anderen Bundesländern wurden hier Gespräche zwischen Grünen und Unionspolitikern geführt. Eine unausgesprochene Bedingung dabei war, dass die Umarmung nicht zum Würgegriff geriet. Dass also klar war, wer Junior- und wer Seniorpartner sein würde. Es kam anders, in Stuttgart regiert Grün-Schwarz und nicht Schwarz-Grün.

Auch deshalb schien die Union in den letzten Wochen drauf und dran, die Koalition zu brechen: Weil sie schlicht die Angst gepackt hat, ihren Status als hegemoniale Kraft dauerhaft zu verlieren. Die Sozialdemokraten wurden von den Grünen derweil derart zerfleddert, dass sie nun mit dem Gedanken spielen, sich in eine Koalition mit CDU und FDP zu retten.

Und so drohen den Grünen im Südwesten Gegner und Bündnispartner gleichermaßen abhandenzukommen.

Wer hätte gedacht, dass sie einmal so erfolgreich sein würden?