Immerhin. Zwei Ständeräte erbarmten sich und stimmten dem Begehren der jungen Grünen zu, neun enthielten sich ihrer Stimme. Es war ein kleiner Achtungserfolg, den die Jungpartei Anfang März feiern durfte. Der zweite schon, nachdem es ihr gelungen war, deutlich mehr als die benötigten 100.000 Unterschriften für ihre Volksinitiative zu sammeln. Denn: Nicht nur der von ihr vorgeschlagene Verfassungstext liest sich radikal, auch die Folgen für die Schweiz wären weitreichend.

Die Zersiedelungsinitiative will sämtliche Bauzonen auf dem Stand von heute einfrieren. Nicht für ein paar Jahre oder Jahrzehnte, sondern gleich für immer.

Würde künftig irgendwo zwischen Genf und St. Gallen, zwischen Neuhausen und Ponte Tresa eine Wiese oder ein Acker zu Bauland, müsste anderswo ein ebenso großer und ebenso ökologisch wertvoller Blätz ausgezont werden.

Die Initiative will die Zersiedelung des Landes nicht bremsen, nicht besser planbar machen. Sie will sie stoppen.

Mitte Mai entscheidet die Kommission des Nationalrats über das Volksbegehren. In der anschließenden Sommersession wird es im Plenum behandelt. Man braucht kein Hellseher zu sein, um schon heute sagen zu können: Auch in der zweiten Kammer bleibt das grüne Begehren absolut chancenlos.

Allein, absolut chancenlos war bereits einmal eine Initiative, welche die Schweizer Landschaft schützen wollte. Sie forderte: "Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen!" Im März 2012 hießen die Schweizer das Begehren mit einer hauchdünnen Mehrheit gut. Seither dürfen in Gemeinden, in denen der Anteil an Ferienwohnungen und -häuser die Marke von 20 Prozent überschreitet, keine neuen Urlaubssitze mehr gebaut werden.

Das war ein Schock. Allen voran für die Bauindustrie in den Berggebieten. Sie reagierte mit intensivem Lobbying. Unter gütiger Mithilfe der zuständigen Bundesrätin und ihrer Verwaltung wurde aus dem unmissverständlichen Verfassungsartikel eine Regel mit vielen Ausnahmen. So sah der Vorschlag für das entsprechende Gesetz zunächst vor, dass es weiterhin erlaubt sein solle, neue Zweitwohnungen zu bauen, sofern diese während der Abwesenheit der Besitzer auf Online-Plattformen vermittelt und vermietet würden. Erst als die Initianten mit einem Referendum gegen das Gesetz drohten, lenkte das Parlament ein. Der Passus kam raus.

Es war in dieser raumplanerischen Kuhhandel-Atmosphäre, als die jungen Grünen ihr Volksbegehren lancierten. Es wirkte damals reichlich deplatziert, galt als Zwängerei. Die Landschaftsschützer hatten doch gerade erreicht, wofür sie seit dem Bauboom in der Nachkriegszeit gekämpft hatten.

Mit der Zweitwohnungsinitiative oder der Kulturlandinitiative im Kanton Zürich, diesen direktdemokratischen Warnsignalen, sowie der kurz darauf ebenfalls in einer Volksabstimmung angenommenen Revision des Raumplanungsgesetzes schien klar: Die Schweiz hat endlich erkannt, ihr knapper Boden ist ein endliches Gut, mit dem sie haushälterisch umgehen muss.

Das Land, das sich die dezentrale Besiedelung in seiner Verfassung festgeschrieben hat, war dabei, sich in Planungsfragen ein Stück weit zu zentralisieren. Ein Teil der Macht sollte von den Gemeinden zu den Kantonen, ein anderer Teil von den Kantonen zum Bund verschoben werden. Darin zeigt sich das Bemühen, Fragen auf jenen politischen Ebenen zu klären, auf denen sie sich tatsächlich stellen. Selbst Eingeweihte waren damals verblüfft, wie schnell und problemlos das Umdenken in den Köpfen stattgefunden hatte.