Der Essay beruht auf einer Rede, die Monika Grütters anlässlich der Konferenz "Zukunft der Religion" von ZEIT und ZEIT-Stiftung in Hamburg gehalten hat

Es ist schon ein Kreuz mit der Religion, mit der christlichen Religion: Wo sie im öffentlichen Leben sichtbar Präsenz zeigt, gelten mancherorts gleich Weltoffenheit und Toleranz als gefährdet. Wo sie dagegen aus dem öffentlichen Leben verschwindet, ertönt das Klagelied vom Untergang des Abendlandes. Das zeigt sich nicht erst im jüngsten Kreuz-Streit.

Zwei Beispiele. In Hamburg steht seit Langem das Theaterstück Unterwerfung auf dem Programm: die Adaption des gleichnamigen Romans von Michel Houellebecq. Als Bühnenbild dient ein überdimensionales, sich ständig bewegendes, ja buchstäblich ins Wanken geratenes Kreuz – genauer: ein Kreuz, das es nicht gibt. Es ist ein Hohlraum in Kreuzform, eine kreuzförmige Lücke in einer schwarzen Wand, in der Houellebecqs Hauptfigur François sich einrichten muss. Das abwesende Kreuz wird zum Schauplatz der Krise westlicher Werte, es steht für die Kapitulation einer christlich geprägten Kultur vor der Islamisierung des Abendlandes, es ist eine Dystopie. Sie brachte dem Autor, dessen Roman ausgerechnet am Tag des islamistischen Terroranschlags auf das Satiremagazin Charlie Hebdo erschien, den Vorwurf ein, er schüre Islamophobie.

Unter umgekehrtem Vorzeichen erhitzte das christliche Schlüsselsymbol im multikulturellen Berlin, der angeblichen "Welthauptstadt des Atheismus", die Gemüter. Diesmal ging es nicht um ein abwesendes Kreuz, sondern um ein bald sehr präsentes Kreuz auf der Kuppel des Berliner Schlosses. Die Kritiker monierten: Damit könne das künftig im Schloss beheimatete Humboldt Forum als Museum der Weltkulturen keinesfalls Schauplatz kultureller Verständigung sein. Das Kreuz stehe für eine "Hierarchisierung der Kulturen und Religionen". Es sei eine Geste der Überlegenheit.

Ja, es ist ein Kreuz mit dem Kreuz! Beide Beispiele sind paradigmatisch für eine an kulturelle Selbstverleugnung grenzende Haltung, die in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen häufig zu beobachten ist. Sie erklärt jede Form der Rückbindung an das Eigene zum Anachronismus. Sie glaubt, damit der Toleranz gegenüber dem Anderen einen Dienst zu erweisen. Stattdessen aber stärkt sie jene Kräfte, die sie zu bekämpfen meint, nämlich die religiösen Fundamentalisten und Fanatiker, aber auch die Populisten und Nationalisten, jene also, denen gerade nicht an Toleranz und Verständigung gelegen ist.

Demokratie geht anders. Sie lebt nicht von der Selbstverleugnung, sondern vom Diskurs, von der Auseinandersetzung, von der aktiven Verständigung auf gemeinsame Werte. Auch über das Kreuz müssen wir uns verständigen, man kann es nicht verordnen. Ich glaube nicht, dass man es quasi von oben herab über die Amtsstuben wieder in die Herzen hinein verpflichten kann.

Warum tun wir uns mit dem Kreuz so schwer? Obwohl das Christentum de facto eine starke Kraft in unserer Demokratie ist. Obwohl Kirche kulturelle Identität weit über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus schafft – und zwar seit 2.000 Jahren, mit einer Prägekraft, wie sie keine zweite Institution je entwickelt hat. Obwohl die Kultur des Abendlandes ohne die enorme Inspirationskraft der christlichen Theologie um vieles ärmer an Geist und Sinnlichkeit wäre. Obwohl das soziale Engagement der Kirchen landauf, landab Zusammenhalt stiftet. Dennoch scheuen wir das öffentliche Bekenntnis zu den christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft.

Vielleicht ist das auch ein Grund für die neue bayerische Aufregung über das Kreuz: Wer es nicht mehr gewohnt ist, sich zu bekennen, der neigt im Bekenntnisfall dann auch mal zu Unbeholfenheit und Übertreibung.

Tatsache ist, dass Religion uns heute oft in ihren pathologischen Auswüchsen begegnet, entstellt von der Fratze des Fundamentalismus, verstörend durch Gewalt im Namen des Glaubens. Da scheint es bequem, Religion vollständig in die Privatsphäre zu verbannen, zumal die christlichen Kirchen ohnehin an Bindungskraft eingebüßt haben. Von einer "Entchristlichung der Gesellschaft" spricht das Institut für Demoskopie in Allensbach: Das Christentum sei in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr aus dem Leben der Deutschen verschwunden, und dies sei keineswegs der Einwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen geschuldet. Nein, es seien die Christen selbst, die sich vom Glauben abgewandt hätten.

Ich selbst erlebe diese "Entchristlichung" immer wieder, wenn ich Schülergruppen aus meinem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf im einstigen Ost-Berlin durch den Deutschen Bundestag führe. Im Andachtsraum des Reichstagsgebäudes frage ich manchmal in die Runde, wer getauft sei. Da kam es schon vor, dass von 26 Jugendlichen ein einziger die Hand hob und sagte: "Ich glaube, ich." Einer von 26! Und der war sich noch nicht mal sicher! Da hat die SED-Diktatur ganze Arbeit geleistet.

Muss man Christ sein, um diese kulturelle Unbehaustheit mit Sorge zu sehen? Wer Houellebecqs Unterwerfung gelesen oder auf der Bühne gesehen hat und im erbärmlichen Opportunismus der Hauptfigur das Zerrbild einer spirituell abstinenten, bindungslosen, genusssüchtigen Gesellschaft erkannt hat, der weiß, dass die "Entchristlichung der Gesellschaft" dem Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft nicht zuträglich ist.