DIE ZEIT: Sie gelten als Meisterin des direkten Arguments. Was ist der Kern Ihres neuen Buchs?

Dambisa Moyo: Es gibt eine Reihe zentraler Themen, aber an allererster Stelle steht, dass die Weltwirtschaft von Kurzsichtigkeit beherrscht wird. Das gilt in erster Linie für die Politik, aber auch für die Unternehmen.

ZEIT: Meinen Sie damit, dass die handelnden Menschen einfach selbstsüchtig sind?

Moyo: "Selbstsüchtig" ist aus meiner Sicht eine zu kritische Bewertung. Politiker verhalten sich da einfach rational. Erfolg bedeutet für sie, im Amt zu bleiben. Insofern verhalten sie sich exakt so, wie sie es tun sollten. Sie konzentrieren sich auf kurzfristige Anliegen der Wähler und verschwenden relativ wenige Gedanken darauf, welche langfristigen Folgen ihre Entscheidungen haben werden.

ZEIT: Und die Geschäftsleute?

Moyo: Unternehmen reagieren auf die kurzfristige Orientierung der Kapitalmärkte, denn auch hier gilt: Viele Investoren halten ihre Aktien nur kurz und sind deshalb sehr stark auf die Quartalsgewinne konzentriert anstatt auf eine langfristige Strategie. In beiden Fällen hat man letztlich eine Situation, in der die Lenker von Unternehmen und von Staaten auf die unmittelbare Zukunft fokussiert sind und wenig Zeit auf die langfristigen Herausforderungen verwenden.

ZEIT: Seit einiger Zeit ist zu beobachten, dass die Produktivitätssteigerungen fehlen, die aus der digitalen Revolution resultieren sollten. Ist die Kurzfristigkeit der Grund dafür?

Moyo: Nein, das glaube ich nicht. Es dauert halt einfach, bis die digitalen Effekte greifen. Sehen Sie sich die Elektrizität an. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis sie kommerziell und für Privathaushalte nutzbar war. Ganz genauso befinden wir uns noch im ersten Jahrzehnt der Nutzung sozialer Medien und anderer Neuerungen, auch bei künstlicher Intelligenz und Robotik geschieht noch sehr viel. Und es gibt eine weitere Erklärung: Nutzen stiftende Technologien wie Wikipedia sind kostenlos, sie wurden von Freiwilligen erstellt, und keiner von uns zahlt für ihren Gebrauch. Aber natürlich haben sie für uns einen enormen Wert, der sich halt in den BIP-Zahlen nicht niederschlägt. Es ist eine Frage der falschen Messung.

ZEIT: Was sind die Folgen der von Ihnen beschriebenen kurzfristigen Ausrichtung von Unternehmensführern und Politikern?

Moyo: Das Hauptproblem ist die falsche Zuteilung von Kapital. Unternehmensführer und Politiker setzen bei Investitionen die Kurzzeitbrille auf und ignorieren langfristige Probleme wie die Ungleichheit der Löhne, technologische Umwälzungen, Arbeitslosigkeit in bestimmten Teilen der Bevölkerung, demografische Entwicklungen, Sorgen um natürliche Bodenschätze im Land und den Anstieg der Verschuldung, während die Produktivität nicht im gleichen Maß zunimmt.

ZEIT: Wohin führt diese Vernachlässigung?

Moyo: Zum einen ist die Zahl der börsennotierten Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten um 50 Prozent geschrumpft. In den USA waren es vor rund 15 Jahren etwa 7000, heute sind es noch rund 3000 Unternehmen. Das bedeutet: Firmen können leichter in Schwierigkeiten bei der Kapitalbeschaffung kommen, wenn es darum geht, Investitionen und langfristige Geschäfte zu finanzieren. Gleichzeitig führt diese Entwicklung zu einem Bündel neuer Probleme. Wenn dermaßen viele Unternehmen von der Börse gehen, haben es Pensionsfonds und Versicherungsunternehmen schwer mit dem Investieren. Und wir Durchschnittsbürger hängen von diesen Fonds und Versicherern ab, wenn es um die Finanzierung unserer Pensionspläne geht.

ZEIT: Sind die kürzeren Amtszeiten von Vorstandschefs Ausdruck des Kurzfristdenkens?

Moyo: Richtig. Wenn man früher als CEO in Amerika angestellt wurde, war das im Schnitt für sieben bis zehn Jahre. Heute sind es drei, vielleicht vier Jahre. Und noch ein Beispiel für die kurzfristige Orientierung: Die Dividenden sind höher als die Gewinnrücklagen. Das bedeutet, dass die Unternehmen das Geld sehr schnell wieder zurück an die Aktionäre ausschütten. Es bleibt weniger und weniger Raum für Investitionen. Das wirkt sich auch aus auf Bereiche wie Bildung und Infrastruktur, in denen wir so dringend Investitionen benötigen.

ZEIT: Sorgt all das dafür, dass das volle Wachstumspotenzial nicht ausgeschöpft wird?

Moyo: Ganz genau! Es fehlt an Investitionen, und das bedeutet, wir sorgen nicht für das Wachstum, das wir auf lange Sicht benötigen. Gleichzeitig wappnen wir uns nicht für Risiken, die aus der Zukunft kommen. Das Haushaltsbüro des US-Kongresses warnt seit langer Zeit, dass die Schulden und Defizite, mit denen wir es in den nächsten 30 Jahren zu tun bekommen werden, die Wirtschaft zugrunde richten könnten. Aber darauf konzentriert sich niemand. Wir erleben Steuersenkungen, wir erleben jede Menge Mehrausgaben, alles, weil die Menschen sich keine Gedanken darüber machen, was auf lange Sicht sein wird.