In der neueren Romanliteratur ist der Deutsche im Zweiten Weltkrieg längst kein Zerrbild mehr, keine Bestie, kein Landser, auch kein bloßes Bombenopfer. Die Autoren dieses Genres, gemeint sind Bernhard Schlink und Arno Geiger oder auch Jan Koneffke – sehr erfolgreiche Autoren im Übrigen –, entwerfen ambivalente und komplexe deutsche Figuren, spüren deren Antriebe und Motive auf, Motive, die keineswegs die europäische Katastrophe intendierten, sie aber auch nicht verhinderten. Martin Walser erzählte die neuralgische Zeit 1998 im Springenden Brunnen modellbildend aus der Perspektive eines unschuldigen Kindes. Und seither ist diese Perspektivierung, jenes "Das Ganze nicht wissen können", so etwas wie der poetologische Kern dieser Art Literatur. Ob sie aber die Vergangenheit tatsächlich zum Sprechen bringt, hängt ganz wesentlich vom Gelingen ihres Erzählens ab. Leider ist die Kunst in diesen Büchern nicht immer so groß, dass etwas Wahrhaftiges aufblitzt.

Ralf Rothmann, Jahrgang 1953, ist einer der bekanntesten und renommiertesten Porträtisten deutscher Wirklichkeit. Den neuen Roman wird man zwangsläufig als ein Gegenstück zu seinem letzten lesen, der ein Bestseller war und in fünfundzwanzig Sprachen übersetzt wurde. Im Frühling sterben erzählte 2015 die Geschichte eines jungen, in den Wirren des Krieges schuldlos schuldig werdenden Wehrmachtsoldaten, inspiriert, wie der Autor in Interviews hervorhob, von den Skrupeln seines Vaters, dem Sohn zu erzählen, "wie es im Krieg wirklich war". Daraus ist ein Schreibprojekt geworden. Rothmann hat sich, ähnlich wie einige der schon erwähnten Autoren, auf eine Art Zeitzeugen-Mission begeben. Es soll eine authentische deutsche Stimme gerettet werden, in und durch Literatur und gegen eine abstrakte, universalisierte Ansicht von den Ereignissen. Das neue Buch kehrt an die Heimatfront zurück.

Ähnlich wie bei Walser wird der Kniff angewendet, eine Figur ins Gefecht zu schicken, die zu jung ist, um ein Nazi zu sein, also ein Opfer der erwachsenen Kriegslust und des Fanatismus wird, jemand, der mit weit geöffneten Augen dem Irrsinn begegnet und fürs Leben lernt, bevor er eines hat. Noch jünger ist Rothmanns Hauptfigur dieses Mal, eine Zwölfjährige, rothaarig und die Unschuld selbst, unverdächtig vor allem. Denn die kleine Luisa Norff soll ja die These des Autors belegen, dass es jenseits der historiografischen Deutungen des Weltkrieges, jenseits des Konsenses der rückblickenden Schuldzuweisung auch andere Formen des Erlebens jener Zeit gegeben hat, reservierte, vielleicht auch naivere Deutsche, die nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnahmen, in ihren Urteilen mal schief-, mal aber auch sehr richtiglagen. Nicht alle waren Hitlers willige Vollstrecker, sagt das, konnten es gar nicht sein.

Ohne Schuld und ohne Scham

Als allgemeine Aussage ist das anders als beim Erscheinen des Springenden Brunnens nicht mehr anstößig, wahrscheinlich ist es heute sogar eine Banalität. Die Einsicht soll dem Roman Leben einhauchen und ihn konturieren, doch genau das geschieht nicht, worüber auch die geschliffene Erzählroutine nicht hinwegtäuschen kann, sodass dieser Roman am Ende wohl auch moralisch ins Straucheln gerät. Und dieses Straucheln hat mit dem Literarischen, mit seiner Erzählweise zu tun.

Die Geschichte umgreift die Wochen etwa vom Februar 1945 bis zur Ankunft der Briten in Norddeutschland. Auf einem Gutshof westlich von Kiel, das in Flammen steht, ist die Familie Norff einquartiert worden, Mutter und zwei Töchter. Flüchtlinge aus dem Osten drängen herbei, trotzdem ist die Lage behaglich. Luisas Schwager Vinzent Landes ist SS-Hauptsturmführer, er hält eine schützende Hand über alle und bringt sogar das Gut in seinen Besitz. Die Butter ist gesichert. Vater Norff, ein Freigeist und erotischer Leichtfuß, betreibt ein Offizierskasino in Kiel, kommt jede Woche zu Besuch und liefert Leckereien. Man überlebt also in einer Art Fettauge. Dieser Krieg ist keine Not, sondern das Leben selbst.

Rothmanns moralische Geografie im Roman ist überschaubar: hier das Kloster, in dem von den Nazis zwangssäkularisierte Nonnen verletzte Matrosen pflegen, dort das Lager, in dem Sträflinge und Kriegsgefangene schuften müssen. In der Mitte der Hof, wo sich Gut und Böse mischen und Luisa ihre ersten Erfahrungen macht: ein Flirt mit einem Melker (es ist der Held des vorigen Buchs), eine gerade noch verhinderte Schändung durch den Schwager, Krankheit, das hohle Endsieg-Gerede, die Illusionslosigkeit der Schlesier, das Leiden der Eltern aneinander und so fort. Hat der Roman eine Handlung? Er hat Episoden, und einige von ihnen gelingen Rothmann wirklich gut, wie etwa die Geburt eines Kalbes oder die Geburtstagsfeier unter Offizieren, die wissen, dass sie verloren haben, die Form gerade noch wahren und sich gleichzeitig gehen lassen.

Unterbrochen wird die Erzählung von den Aufzeichnungen eines fiktiven Autors namens Bredelin Merxheim. Der klagt, während die Mutter aller deutschen Kriege tobt, nämlich der Dreißigjährige, über Pest, Mord und Hunger. Rothmann leistet sich ein Stück altertümelnder Serenus-Zeitblom-Parodistik, um "seinen" Krieg mit einer Referenz auszustatten: die Welt als barocke Hölle, als Schauplatz des Wahnsinns. Doch Merxheim und sein Gefährte Bubenleb haben eine das Irdische überschreitende Vision. Sie errichten ("Es musste die Kirche ins Dorf") zum Ruhme Gottes eine Kapelle, eine schwimmende aus Holz, die den Landsknechten unerreichbar bleiben soll. Ja, sie schwimmt sogar. Bis sie leider von einer kleinen Kanonenkugel versenkt wird. Das ist der einzige Anflug von Groteske in diesem Buch. Rothmann setzt, den Gedanken der klandestinen Kirche aufrufend, ganz ernsthaft eines seiner Hauptmotive: Von Kapellen und vom Läuten ist viel die Rede.