Haben Sie schon mal einen Mitarbeiter eingestellt und dabei von vier Kandidaten nur einen ausgewählt? Haben Sie Ihre Freunde vor einem Hotel mit unfreundlichen Angestellten gewarnt? Oder auch nur kein Trinkgeld gegeben, weil sie nicht zufrieden waren? Dann haben Sie es getan: Sie haben diskriminiert. Vermutlich nach bestem Wissen und Gewissen und nach Leistung, zumindest der für Sie ersichtlichen. Aber Sie haben es getan. Sie haben die Steuerungsmechanismen des Kapitalismus benutzt. Genau das passiert täglich, überall. Zum Beispiel dann, wenn Stellen neu besetzt werden oder wenn entschieden wird, ob eine befristete in eine unbefristete Stelle umgewandelt wird. Zum Beispiel bei der Deutschen Post.

Über sie ist gerade Aufregung ausgebrochen, weil Leitlinien bekannt wurden, nach denen sie Arbeitsverträge für befristet beschäftigte Mitarbeiter entfristet: Die Zusteller sollten nicht mehr als zwei Unfälle in zwei Jahren und dabei nicht mehr als 5.000 Euro Schaden gehabt haben; sie sollten nicht bedeutend langsamer als vergleichbare Kollegen sein und nicht öfter als sechsmal und nicht mehr als 20 Tage in zwei Jahren krankgemeldet gewesen sein.

Diese Regeln sind brutal und im Einzelfall auch ungerecht, etwa wenn jemand einige Wochen schwer krank war nach einem Unfall, danach aber wieder voll einsatzfähig ist. Im Großen und Ganzen aber sind es schlicht Versuche, neue Kollegen halbwegs objektiv danach auszuwählen, was sie können. Also die guten, fitten, schnellen Mitarbeiter herauszusuchen und zu belohnen. Ein Postbote muss körperlich in Form sein, schließlich muss er oft kilometerweit laufen oder schwere Post oder Päckchen tragen. Er sollte schnell sein. Und wenn er zu Unfällen neigt, ist er im Job wie im Straßenverkehr fehl am Platz und sollte sich auch aus Selbstschutz etwas anderes suchen.

Trotzdem haben sich viele Menschen über die Kriterien ganz grundsätzlich erregt, eine Politikerin der Grünen nannte das Vorgehen der Post sogar "menschenverachtend und sittenwidrig".

Das ist übertrieben, führt es doch zur Frage: Wonach soll denn bitte stattdessen ausgewählt werden? Nach sozialen Kriterien, also danach, wie dringend jemand eine Stelle nötig hat? Oder per Losentscheid? Oder gar nicht? Und – wichtige Frage – wer erklärt die Folgen dieses Unsinns dann den Kunden? Und wer sagt’s den fleißigen Kollegen, die sicher nicht begeistert sind, wenn Krankfeiern und Rumtrödeln keine Folgen mehr haben?

Wie schwierig es ist, wenn es sich nicht lohnt, dass Menschen sich anstrengen, haben die gescheiterten Sozialismus-Experimente gezeigt. Zwar sahen sie, wie von Karl Marx vorausgedacht, eine Art Arbeitszwang für alle vor. Doch das reichte nicht aus, um mit denjenigen zu konkurrieren, deren Arbeit an konkrete Belohnungen geknüpft war.

Natürlich braucht trotzdem kein Mensch die stete Rundumkontrolle. Es kann demotivierend und kreativitätseinschränkend sein, wenn Mitarbeiter stets Angst vor der Kündigung haben oder wenn im Amazon-Lager jeder Schritt überwacht wird. Aber wenn man so ein halb sozialistisches System schafft wie in Deutschland mit starkem Kündigungsschutz, dann müssen die Firmen auch die Wahl haben, wen sie dort hineinlassen.

Es führt also nicht weiter, die Post dafür zu kritisieren, dass sie auswählt. Es geht eher darum, dass sie zwei Jahre, manchmal auch länger dafür Zeit hat, weil die Gesetze das zulassen. Das ist stressig für die Mitarbeiter und auch für die Firmen nicht immer gut, denn sie brauchen einigermaßen angstfreie Mitarbeiter, um erfolgreich zu sein. Die gute Wirtschaftslage hilft in der Hinsicht derzeit besser als alle Appelle von Politikern. Gute Arbeitskräfte sind knapp. Auch die Post wird sie derzeit zu halten versuchen. Wie wäre es mit vorzeitiger Übernahme?