Wer es gut meint mit der Oberbaudirektion und den Investoren am Gänsemarkt, der kann ihnen zugestehen, dass der Entwurf des Hamburger Architekturstars Hadi Teherani für einen Neubau an Stelle des Deutschlandhauses am Gänsemarkt eine tiefe Verbeugung vor der Leistung der Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld ist, die den klassisch modernen Klinkerbau vor 90 Jahren geplant haben. Wer es weniger gut meint, wird sagen, dass die Investoren die aufwendige Restaurierung des ursprünglichen Baudenkmals gescheut und sich stattdessen für einen Neubau in der Gestalt des historischen Vorbilds entschieden haben.

Und wer ein bisschen böse ist, könnte in dem Entwurf, der sich nun durchgesetzt hat, noch etwas ganz anderes sehen: eine Art architektonischen Judotrick, der sich der Energie einer gerade anwachsenden Denkmalschutzbewegung bedient, um sie gegen den Denkmalschutz zu wenden. Denn wie soll man eine Kampagne gegen einen Neubau begründen, der dem ursprünglichen Entwurf in mancher Hinsicht näher kommt als das, was nach zahlreichen Umbauten davon noch erhalten ist?

Mangels Denkmalschutz hätte es den Bauherren freigestanden, an Stelle des Deutschlandhauses die nächste Stahl- und Glasskulptur in die historische Stadtlandschaft zu setzen. Das sollte man sich klarmachen, ehe man das Ergebnis erleichtert zur Kenntnis nimmt.

In Hamburg, so scheint es bisweilen, braucht es schon ziemlich dringende Gründe, um ein Gebäude stehen zu lassen, das man auch abreißen könnte. Als zu Beginn dieses Jahrtausends historische und unbestritten erhaltenswerte Bauwerke in denkbar exponierter Lage zwischen Binnenalster und Mönckebergstraße einer Shoppingmall namens Europa Passage weichen mussten, sprach der damalige oberste Denkmalschützer der Stadt von einem Lehrstück. "Das darf in Hamburg nicht noch einmal passieren", sagte Frank Pieter Hesse. "Wenn daraus gelernt würde, hätte dieser städtebauliche und architektonische Missgriff noch einen Sinn."

Welche Lehren die Stadt tatsächlich zog, zeigte sich im Streit um den City-Hof: Ohne rechtlichen Beistand bekamen interessierte Bürger über die Zukunft dieses Baudenkmals im öffentlichen Eigentum nicht einmal Auskünfte, geschweige denn eine Möglichkeit zur Einflussnahme. Am Ende durften nur noch unterschiedliche Neubau-Varianten verglichen werden, weil ein Konzept eines namhaften Planers, der die denkmalgeschützten Häuser erhalten wollte, aus formalen Gründen vom Wettbewerb ausgeschlossen worden war.

Das Vertrauen der Fachöffentlichkeit ist seither zerstört, daher rührt wohl nun auch der heftige Protest gegen den Abriss des Deutschlandhauses.

Über das Für und Wider dieser Pläne lohnt es nicht zu streiten. Mit einigem Recht können die Bauherren darauf hinweisen, dass das Gebäude, das sie demnächst abreißen werden, nicht der klassische Bau von 1929 ist, sondern eine mäßig originalgetreue Rekonstruktion aus den siebziger und achtziger Jahren, die von dem ursprünglichen Bauwerk wenig mehr als ein Stahlskelett bewahrt hat.

Umso wichtiger ist der Streit um Baudenkmäler und ihre Bedeutung. Ohne Rückhalt bei den Bürgern ist der institutionalisierte Denkmalschutz machtlos, das hat Frank Pieter Hesse als oberster Denkmalschützer seinerzeit eingestanden. Protest allein hilft auch nicht viel, solange die jeweils nächste Woge der Empörung als Reaktion auf den jeweils nächsten Abrissplan so berechenbar und folgenlos anschwillt und bricht wie die letzte.

Im Parlament stehen zwei Regierungsfraktionen, die das Vorgehen von Kultur- und Stadtentwicklungsbehörde mittragen, einer Opposition gegenüber, die sich selbst neutralisiert. Im Streit um das Deutschlandhaus findet sich da alles – von der Forderung, "die verbliebene Substanz zu retten" (CDU) über "eine ganz neue Vision für den Gänsemarkt" (FDP) bis zum Kampf gegen die "renditeorientierte Stadtentwicklung" (Linke).

Im Internet pflegt ein Verein mit dem Namen Nexthamburg eine "rote Liste" bedrohter Gebäude, der Bund Deutscher Architekten fordert mehr Öffentlichkeitsbeteiligung, ehrenamtliche Denkmalschützer wünschen sich ein Verbandsklagerecht. Da entsteht eine außerparlamentarische Opposition. Und vielleicht sind die moderaten Neubaupläne am Gänsemarkt ihr erster Erfolg.