Tief im Westen, im konservativen Hinterland der Republik, feiert eine Partei ausgelassen, die eigentlich schon totgesagt wurde: Die Grünen. Georg Willi, der Bürgerliche unter den Ökos, ist neuer Bürgermeister von Innsbruck, seine Partei die mit Abstand stärkste Kraft im Gemeinderat. An seinem 59. Geburtstag ließ sich der groß gewachsene Kirchenchorsänger im Innsbrucker Kulturzentrum Treibhaus bejubeln – und alle Parteifreunde waren gekommen, auch der Vorarlberger Landesrat Johannes Rauch und Bundessprecher Werner Kogler. Der hatte bereits im vergangenen Jahr davon gesprochen, ein Sieg Willis und der Grünen am Inn wäre das größte Comeback seit Lazarus. Alle atmen durch. Aber kann der Innsbrucker Erfolg eine Blaupause für die Bundesgrünen sein?

Noch nie haben die Grünen eine Landeshauptstadt dominiert. Der Westen ist nun das Kernland der Partei: Neben Innsbruck sitzen sie in Vorarlberg, Tirol und bald wieder in Salzburg in den Landesregierungen. Die schwarzgrüne Westachse, so die Vision, soll zum Gegenentwurf zur türkisblauen Bundesregierung in Wien werden.

Georg Willi stapelt derweil tief. Es sei eine Persönlichkeitswahl gewesen, wird er nicht müde zu betonen – und hat damit recht. Andererseits repräsentiert er einen Politikertypus, wie er den Grünen in den vergangenen Jahren abhandengekommen ist: verbindlich, zuversichtlich und nicht dogmatisch (ZEIT Nr. 17/18).

Wer aber glaubt, Georg Willi stünde für eine alternative Erzählung der Grünen, der irrt. "Er ist ein klassischer Öko", sagt Werner Kogler. Überallhin strampelt der ehemalige Biologiestudent mit dem Fahrrad. Er tritt ebenso vehement für Umweltthemen ein wie für Umverteilung von oben nach unten. Dazu forderte er schon mal die "Renaissance linker Werte" und will auf keinen Fall mit der FPÖ regieren.

Nur: Im Gegensatz zu anderen Grünen werden ihm diese Eigenschaften nicht zum Vorwurf gemacht. Vielleicht, weil er nicht von anderen verlangt, so zu leben wie er selbst. Vielleicht aber auch, weil er sein Image als Zuhörer seit drei Jahrzehnten kultiviert hat . Er kann mit jedem reden. Trifft er stramme FPÖ-Wähler, belehrt er sie nicht, hört sich geduldig ihre Sorgen an und zeigt erst dann seine Lösungsvorschläge auf.

Selbst die FPÖ tat sich im Wahlkampf schwer damit, Willi in ein linkes Eck zu stellen. Zuvor wurden düstere Drohkulissen errichtet, was der Stadt blühe, wenn der Grüne Bürgermeister werde. Doch die Angstpropaganda schreckte nur wenige. Willi inszenierte sich als Kandidat für jeden, über die Parteigrenzen hinweg – ähnlich wie Alexander Van der Bellen im Bundespräsidentenwahlkampf. "Einer für alle" plakatierten die Grünen. Ob das über den Wahltag hinaus genügt?

Wohl kaum. Um das zu sehen, lohnt ein Blick über die Grenze, nach Freiburg im Breisgau. Die Partnerstadt von Innsbruck in Baden-Württemberg gilt als grüne Hochburg, hier regierten seit 16 Jahren konservative, bürgerliche Grüne. Doch mit den Jahren musste sich der Oberbürgermeister immer öfter mit dem Vorwurf herumschlagen, politisch beliebig zu wirken und zu sehr nach rechts zu schielen. Bei den Wahlen, auch am vergangenen Sonntag, wurde er schließlich von den Wählern aus dem Amt gejagt.

In Österreich hingegen müssen die Grünen erst mal ihre eigene Wiedergeburt schaffen. Einen Tag vor dem Triumph in Innsbruck trafen sich die Bundesgrünen zum Zukunftskongress in der Linzer Tabakfabrik – samt gruppendynamischer Aufwärmübung. Es gab Vorträge und Workshops, Arbeitsgruppen und eine ordentliche Portion Selbstmotivation. Man müsse radikal und gleichzeitig real agieren, meint Parteichef Kogler. "An Grundwerten hat es uns nie gemangelt, aber wir hatten halt manchmal eine recht unsympathische Erscheinungsform", sagt er. "Nur weil wir überzeugt sind, dass unsere Vision die bessere ist, sind wir noch nicht die besseren Menschen." Wenn er das sagt, klingt er ein wenig wie Georg Willi.

Doch Kogler ist keine Nachwuchshoffnung. Auch Georg Willi glaubt nicht, der grüne Wunderheiler zu sein. "Ich bin sicher kein Zukunftsmodell", sagte er am Tag nach der Wahl mit Verweis auf sein Alter. Es brauche Junge, Ältere und vor allem Frauen.

Die Jungen haben das Heft bereits in die Hand genommen. Next Generation Lab nennt sich eine Gruppe in der Partei. Wer mitmachen will, darf nicht älter als 35 sein. Bis zum Bundeskongress will diese Post-Hainburg-Generation Ergebnisse präsentieren. Bis dahin wird auch die Struktur der Partei und das Konzept des Bundesvorstandes hinterfragt.

Werner Kogler freut sich über die junge Truppe, möchte sie aber auch in die Verantwortung nehmen. "Ich verlange schon, dass die auch liefern und man den Jungen nicht, wie es früher manchmal passiert ist, alles nachtragen muss", sagt er.

Was die Grünen aus dem Innsbrucker Wahlerfolg lernen können? Leise Töne wirken, zuhören schadet nie, und der zwanghafte Humor früherer Kampagnen ist wenig hilfreich. Auch kitschige Heimatplakate wie die der Salzburger Grünen, die in ihrer Ästhetik an die FPÖ erinnern, bringen die Grünen nicht weiter.

Was es hingegen braucht, um diesen Erfolg nachzumachen: einen zweiten Georg Willi. Und den zu finden wird schwierig.