Das Behandlungszimmer der unsichtbaren Ärzte ist eine Glaskabine, schalldicht abgeschirmt, in einem Backsteinbau in London-Islington. Eine Handvoll junger Medizinerinnen und Mediziner vertiefen sich in die Anzeigen großer Bildschirme. Sie behandeln Patienten, die sie nicht sehen und von denen sie nicht gesehen werden können: Männer mit Erektionsstörungen oder Haarausfall, über deren Beschwerden sie per E-Mail erfahren. Oder jene Frau, die ein Mittel gegen Schmerzen im Unterleib haben möchte und hier seit Jahren die Pille verschrieben bekommt.

Einer der Ärzte sagt: "Das kann ich jetzt annehmen oder ablehnen", wobei er darüber wacht, dass sein Besucher weder den Namen noch sonstige Privatinformationen der Patientin zu sehen bekommt. Ein ärztlicher Klick fehlt noch, Rot oder Grün. Wenn er Grün drückt, bekommt die Frau ein Rezept und auf Wunsch gleich ihr Medikament per Versandapotheke nach Hause geschickt.

"DrEd" ist nicht Arzt, sondern Jurist

David Meinertz, 43, ist hier der Chef. Er hat das Start-up mit dem Glaskubus voller Ärzte vor sieben Jahren gegründet: "DrEd", Doktor Ed, der virtuelle Hausarzt im Internet. Seitdem hat er nach seinen Angaben knapp zwei Millionen Behandlungen in Europa vorgenommen, ein Fünftel davon in Deutschland. Seit 2014 ist sein Unternehmen profitabel, weil jeder Patient für die Behandlung neun bis 29 Euro überweist. Wobei "Behandlung" oftmals heißt: Der Patient bekommt ein Medikament wie Viagra, die Pille oder ein Antibiotikum verschrieben.

"Schmuddelrezepte" würden da ausgestellt, schimpfte kürzlich der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery, in Deutschland seien solche Fernverschreibungen aus guten Gründen nicht zugelassen. Aber Meinertz sitzt eben in London. Dort nutzt er das Internet und ein Schlupfloch im europäischen Recht, um aus der Ferne zu behandeln. Meinertz ist nicht Arzt, sondern Jurist.

Webdesigner bestimmen, was der Arzt sieht

Der Unternehmer hat große Pläne für die Gesundheitsversorgung der Deutschen. Er will expandieren. Bislang behandeln seine Ärzte 30 verschiedene Krankheiten, etwa Hauterkrankungen, "die man durchaus aus der Ferne behandeln kann, in einigen Fällen reicht ein gutes Handyfoto für die Diagnose". Bald könnten es hundert sein, irgendwann vielleicht tausend.

Eine Krankheit ist für Meinertz eine Frage des "Sprechstundendesigns": Die Ärzte erzählen den Technikern, was sie bei einer Diagnose alles prüfen. Vorschriften und medizinische Literatur werden zurate gezogen. Webdesigner bestimmen, was der behandelnde Arzt und sein Patient auf dem Bildschirm zu sehen bekommen. Das dauert je zwei bis drei Monate. Dann ist die Fernbehandlung eines weiteren Krankheitsbilds möglich. Es gehe darum, sagt Meinertz, wie der "ärztliche Workflow" verläuft und welche Fragen die Mediziner bei der "Patienten-Journey" stellen ("Verlieren Sie die Kontrolle über einzelne Körperteile?"). Bisweilen bekommen Kranke ein Do-it-yourself-Urinproben-Set oder ähnliche Tests nach Hause geschickt.

Meinertz führt durch die Räumlichkeiten: ein großzügiges Loftbüro mit einer zentralen Snackbar, in der junge Menschen in Freizeitkleidung Kaffee kochen. Mit der Tasse in der Hand kehren sie zu ihren Arbeitsinseln zurück. Hier das Callcenter, das Kundenanfragen entgegennimmt, dort die Ingenieure und Webdesigner, drüben das Marketing. "Wir haben unseren Standort absichtlich hier im schicken Londoner Norden", sagt der Firmenchef. "Anderswo wäre es günstiger gewesen. Aber die Leute hier könnten auch bei Google oder Amazon sein. Wir müssen ihnen etwas bieten."

Meinertz und seine Sprechstunden-Ingenieure sehen sich als Pioniere in einer Boombranche: "Digital Healthcare" gilt als eine der vielversprechendsten Entwicklungen der Digitalwirtschaft. Der massenhafte Einsatz von Computern, Datenbanken und dem Internet soll die Behandlung von Patienten zugleich günstiger, kundenfreundlicher und erfolgreicher machen.

Geredet wird davon schon seit zehn Jahren, es gibt Erfindermessen, Start-up-Beratungen, Forschungsinitiativen, Förderprogramme und Pilotprojekte dazu. Aber zuletzt sind die Umsätze in dieser Branche tatsächlich deutlich gestiegen. Die Unternehmensberater von Roland Berger veröffentlichen Prognoseberichte, in denen sie Wachstumsraten von 20 Prozent, Umsätze in dreistelliger Milliardenhöhe und Traumgewinne für die kommenden Jahre voraussagen. Warum geht es jetzt los?