"Cito, cito, citissime", steht auf dem vergilbten Papier. "Schnell, schnell, ganz schnell", das meinen die Worte, sei die Nachricht dem Empfänger Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim zuzustellen. Der solle mit seinen Truppen unverzüglich nach Lützen aufbrechen, der Feind sei schon im Anmarsch. Unterzeichnet hat die atemlos aufs Papier gekritzelte Order Albrecht von Wallenstein; datiert ist sie auf den 15. November 1632, den Vortag der Schlacht von Lützen, einer der großen Bataillen des Dreißigjährigen Krieges. Der Schwedenkönig Gustav Adolf verlor in ihr das Leben, die Karten waren neu zu mischen.

Auch Pappenheim fiel. Kaum auf dem Schlachtfeld eingetroffen – der Totentanz hatte gerade begonnen –, wurde er von einer Musketenkugel getroffen. Wallensteins Brief wurde, als man Pappenheims Leiche entkleidete, in dessen Wams gefunden. Die Ränder sind dunkelbraun gefärbt, es ist getrocknetes Blut. Mit irritierender Unmittelbarkeit berichtet das Dokument, heute im Besitz des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien, vom Drama des "Kriegs der Kriege".

Das Stück Papier sollte eigentlich ein Gottesgeschenk für alle sein, die derzeit vom Dreißigjährigen Krieg zu schreiben haben. Es sind nicht wenige, jährt sich doch dessen Anlass, der Prager Fenstersturz, am 23. Mai zum 400. Mal. Wallensteins Zettel böte Gelegenheit, daran zu erinnern, dass Geschichte nicht nur aus Papier gemacht ist, sondern, so bei Lützen, sehr konkretes Leiden und Sterben war. Golo Mann hat die Order des Generalissimus in seiner Wallenstein-Biografie denn auch effektvoll ins Spiel gebracht; Peter Wilson, Autor einer der wichtigsten neueren Darstellungen, erwähnt sie immerhin. Georg Schmidt und Johannes Burkhardt aber verzichten in ihren Büchern darauf, die dramaturgische Chance, die der Zettel bietet, zu nutzen.

Der Einzige, der sie ergreift, ist Herfried Münkler. Der Berliner Politikwissenschaftler erweist sich überhaupt als der beste Erzähler unter den Autoren der Neuerscheinungen zum Thema. Während in den Werken der beiden anderen die Hauptfiguren und Chargen der Tragödie meist gleich Schatten durch die Szenerie huschen, macht Münkler aus "Akteuren" Menschen. Durch die fast 1.000 Seiten seines Buches wehen Pulverdampf und der Geruch des Todes, donnern Kanonen und krachen Kartaunen. Verdichtungen des Geschehens – etwa der Prager Fenstersturz, die Zerstörung Magdeburgs oder die Ermordung Wallensteins – erhalten Raum und gewinnen Farbe.

Münkler will den Dreißigjährigen Krieg als Lehrstück nehmen. So zieht er Parallelen zu Konflikten der Gegenwart, in denen sich ebenso wie während des Ringens vor 400 Jahren Machtinteressen und religiöse Ressentiments zu einem explosiven Gemisch amalgamierten. Man wird gewiss nicht allen Schlüssen des Autors zustimmen, auch wenn er weiß, wo Vergleiche ihre Grenzen haben. Spezialforschern mit ihren Versuchen, das eine oder andere Faktum zu ermitteln, und allen "historisierenden Historikern" wirft er den Fehdehandschuh hin.

Georg Schmidt, bis vor Kurzem in Jena lehrender Frühneuzeit-Historiker, hat ihn am Ende seiner ambitionierten Darstellung Die Reiter der Apokalypse schon aufgenommen. Allen Versuchen, den Krieg zu aktuellen Konflikten in Beziehung zu setzen, versagt er sich mit Entschiedenheit. Kann man zum Beispiel, so Münklers Widerpart, die Ziele der Söldner Wallensteins – und die ihres Feldherrn – tatsächlich mit jenen der Kämpfer des "Islamischen Staats" vergleichen? Schmidt sieht im Dreißigjährigen Krieg einen "aus dem Ruder gelaufenen Verfassungskonflikt". Im Kern sei es um die politische Ordnung Europas und die Verfassung des Heiligen Römischen Reichs gegangen. Gegen die Ambitionen der spanischen Habsburger, in Allianz mit dem gleichfalls habsburgischen Kaiser eine hegemoniale Stellung in Europa zu errichten, habe sich der Selbstbehauptungswille von Ständen und Staaten geltend gemacht und am Ende durchgesetzt.

Katholiken gegen Katholiken – das hatte erkennbar keinen höheren Sinn

Schmidts "apokalyptische Reiter" galoppieren durch eine fremde, exotische Welt. Er holt weit aus, um deren Genese zu zeigen, blendet zurück in Renaissance und Reformation und zeigt damit die tiefen tektonischen Verwerfungen auf, die sich in den französischen "Religionskriegen" und dann im Dreißigjährigen Krieg mit seinen Abermillionen Opfern gleich Erdbeben entluden. Noch immer allerdings wussten sich die Menschen in einem fest gefügten Kosmos aus Strafe und Gnade aufgehoben. Natur und Geschichte waren, mit Hans Blumenberg, lesbar wie Bücher.