Düsseldorf ist eine geschäftige Stadt, aber hier in der Mitte, zwischen den beiden Rheinbrücken, denkt keiner an Messen, Mode und Meetings. In der Altstadt trinkt der Düsseldorfer Altbier. Kneipentouren sind nicht Ihr Ding? Ach herrje, und dann sind Sie ausgerechnet in der Ratinger Straße gelandet, wo es in jedem Haus was zu trinken gibt? Da vorne im Ratinger Hof haben die Toten Hosen ihre Heimat als längste Theke der Welt besungen.

Sie haben es mehr mit der Kultur? Auch kein Problem! Hundert Meter nach links, und Sie stehen vor der Kunstakademie. Hundert Meter nach rechts, und Sie können sich zwischen Kunsthalle und Kunstsammlung entscheiden. Vielleicht kommen Sie aber einfach erst mal mit.

Wir könnten hochlaufen zum Ratinger Tor und bei Markus Lüpertz durchs Atelierfenster schauen. Ach, ich vergaß. Der Malerfürst hat vor einem Jahr seine Sachen gepackt, danach sollen sich dort Obdachlose angesiedelt haben. Dann also die Straße runter, Richtung Fluss. Sehen Sie das zarte schwarze Geschöpf am Eingang zum Rheinufertunnel? Original Harald Naegeli! In Zürich, wo er herkommt, haben sie dem Sprayer wegen seiner Strichmännchen den Prozess gemacht. Joseph Beuys hat ihn damals an die Akademie geholt. Seitdem sprüht er in Düsseldorf. Manchmal gibt es auch hier Ärger, wenn einer seiner Flamingos über eine frische Fassade stelzt – und noch mehr, wenn einer den wieder wegschrubbt. Insgesamt sind die Düsseldorfer doch eher kunstsinnig.

Dass das so ist, das verdankt sich einer einzigen Frau: Anna Maria Luisa de’ Medici. Aus Florenz, ganz recht! Aber 1691 hat man sie mit dem deutschen Kurfürsten Johann Wilhelm verheiratet. Sehen Sie den stämmigen Turm da vorne auf dem runden Platz? Da haben die beiden gewohnt. Jan Wellem, wie ihn die Düsseldorfer nennen, war eigentlich Kurfürst der Pfalz. Nachdem die Franzosen aber das Heidelberger Hauptschloss in Schutt und Asche gelegt hatten, residierte die Sippe übergangsweise hier, in einem kleinen, zugigen Schloss an der Stelle, wo die Düssel in den Rhein mündet.

Für eine Medici-Prinzessin ein echter Abstieg. Sie muss sich grässlich gelangweilt haben. Sie ließ Opern im Schloss aufführen. Karrte bergeweise Bilder von Rubens, Rembrandt und Raffael heran. Und gab auch viel Geld aus, um eine lokale Kunstszene hochzupäppeln. Als die Kurfürsten weiterzogen, bekamen die Künstler das Schloss als Akademie.

1872 brannte es ab; übrig blieb der Turm. Da ist heute ein Schifffahrtsmuseum drin – lohnt den Besuch, wenn Sie mal mit Kindern vorbeikommen. Im ersten Stock gibt’s Jan Wellems Prunkjacht im Puppenformat, drüber kann man einen virtuellen Frachter über den Rhein steuern, und ganz oben wartet das Café mit der schönsten Aussicht von ganz Düsseldorf!

Na, hab ich zu viel versprochen? Man könnte stundenlang hier oben sitzen und zugucken, wie unten die großen Kähne die enge Rhein-Kurve nehmen. Aber Sie wollen doch sicher noch bei Heinrich Heine vorbei. Der war ja auch Düsseldorfer.

Da drüben in der Maxschule hat er Lesen und Schreiben gelernt. Man ist dort sehr stolz auf diesen Schüler. Dass er die Anstalt umgekehrt ebenso gut in Erinnerung behielt, bezweifle ich, er soll dort die ersten Prügel seines Lebens bezogen haben.

Streng genommen stünde jetzt noch die Bilker Straße auf dem Programm: das Heine-Institut. Da bewahren sie des Dichters Schreibfedern, Haarlocken und Loreley-Handschriften auf. Aber ich fürchte, dafür reichen unsere zwei Stunden nicht. Deswegen schlage ich vor, wir beenden unseren Spaziergang hier drüben im Spee’schen Garten. Für Sie gibt es in dem verwunschenen Winkel zwischen den Resten der Stadtbefestigung noch mindestens sieben schöne Skulpturen anzusehen, und ich setz mich auf die Bank mit Blick auf die Buchsbaumrabatten.