Sonntagabend im IC nach Hamburg: gedämpftes Licht, ruhige Gespräche. Der Zug ist gerade an Bremen vorbeigefahren, ruckelt durch eine Kurve, die Köpfe der Schlafenden nicken. In einer Zweierreihe sitzt ein Mann, der Blick fällt auf seinen Arm: Eine Welle, ein Meer aus Fenstern – ist das nicht die Elphi? Schon zieht sich der Mann eine Jacke über. Im Gespräch stellt sich heraus: Sascha Dünnebacke, 35, hat sich tatsächlich das Konzerthaus in den Arm stechen lassen. Und erzählt gern davon.

DIE ZEIT: Herr Dünnebacke, warum wollten Sie ein Hamburg-Wahrzeichen als Tattoo?

Sascha Dünnebacke: Ich komme aus Wuppertal. Seit drei Jahren arbeite ich hier in Hamburg: Ich coache Führungskräfte und leite eine Personalberatungsfirma in der Nähe des Nikolaifleets. Meine Wohnung in Wuppertal habe ich behalten. Am Wochenende pendele ich hin und her. Am Anfang hat mich die Schönheit Hamburgs richtig bewegt, die Stadt geht mir unter die Haut. Das habe ich wörtlich genommen: Ich wollte ein Tattoo, das mich mit dem neuen Wohnort verbindet.

ZEIT: Warum haben Sie sich gerade für die Elbphilharmonie entschieden?

Dünnebacke: Als die Elphi noch ein Baugerippe war, habe ich mal eine Hafenrundfahrt gemacht, als Tourist. Alle auf dem Schiff haben gelästert: Das Ding sei Steuergeldverschwendung, ein Schandfleck der Elbe, es werde nie fertig, man könne sowieso kein künstliches Wahrzeichen bauen. Aber kaum war sie fertig, sind alle hingerannt. Da habe ich gedacht: Diese Elphi ist was Besonderes.

ZEIT: Weil sie die Menschen trotz aller Skepsis am Ende doch begeistert?

Dünnebacke: Am Anfang hat niemand an sie geglaubt. Aber jetzt feiern sie alle. Das zeigt doch: Wer hartnäckig bleibt, hat irgendwann Erfolg. Man kann sogar ein Wahrzeichen bewusst planen, kann sagen: Ich bau jetzt was, das wird die Elbe überstrahlen und alles andere in den Schatten stellen – und dann funktioniert das. Und wenn man einmal da oben auf der Plattform gewesen ist und den beleuchteten Hafen gesehen hat, dann versteht man: Es ist großartig, dass man das durchgezogen hat.

ZEIT: Was hat Ihr Tätowierer zu Ihrem Motivwunsch gesagt?

Dünnebacke: Er sagte: "So’n kapitalistisches Symbol tätowier ich auf keinen Fall!" – aber er musste auch selbst ein bisschen lachen. Das ist halt ein typischer Linker aus der Schanze.

ZEIT: Offenbar konnten Sie ihn überzeugen.

Dünnebacke: Ja, ich habe ihm ein Handy-Foto gezeigt und ihm von den vielen kleinen Fensterchen vorgeschwärmt. Da hat ihn die Herausforderung gereizt. Dieses Motiv wollte ja noch nie jemand. Beim Tätowieren ist er genau an diesen Fenstern dann allerdings völlig verzweifelt: So viele millimeterkleine Striche, und alle fünf Reihen verschiebt sich das Gitternetz. "So einen Scheiß tätowier ich nie wieder", hat er geflucht. Aber er hat das wahnsinnig gut gemacht. Mittlerweile sind wir sogar befreundet. Immer wenn jemand das Tattoo lobt, schreibe ich ihm das auf WhatsApp. Ich habe ihm auch erzählt, dass ich jetzt sogar dazu interviewt werde.

ZEIT: Wie lange hat die Sitzung im Tattoo-Studio gedauert?

Dünnebacke: Nach drei Stunden stand nur der Rohbau. Ich musste noch mal wiederkommen, für zwei weitere Stunden. Ein paar Wolken fehlen noch. Die Spiegelungen des Wassers, die die gekrümmten Fenster reflektieren, kann man bei einem Tattoo auch nur schlecht abbilden.

ZEIT: Es ist trotzdem sehr schön geworden. Was hat am meisten wehgetan?

Dünnebacke: Die Schattierungen neben der Elphi haben etwas gepikst, also der Nachthimmel über der Elbe. Aber der Unterarm ist eine eher unempfindliche Stelle.