Wer sich der FDP des Jahres 2018 nähern will, sollte erst mal ganz weit weggehen. Im Rest der Welt tobt nämlich eine Debatte um den Liberalismus, wie sie fundamentaler nicht sein könnte. So konstatiert der britische Intellektuelle Edward Luce in seinem jüngsten Buch den "Rückzug des westlichen Liberalismus". Der amerikanische Professor Patrick J. Deneen kommt mit seiner Frage, warum der Liberalismus versagt habe, schon in die Nähe eines Nachrufs. Seine These: Der Liberalismus hat sich zu Tode gesiegt, übrig geblieben ist kein befreites, rundum ermächtigtes Individuum, übrig geblieben sind vielmehr lauter Einzelne, die ohnmächtig vor den Wirkungen des globalisierten und digitalisierten Liberalismus stehen und sich nach einer autoritären Alternative sehnen. Deneens Fazit: Die Krise des Liberalismus kann keinesfalls durch mehr Liberalismus überwunden werden.

Der indische Intellektuelle Pankaj Mishra geht in seinem Werk Zeitalter des Zorns noch einen Schritt weiter, indem er behauptet: Der westliche Liberalismus ist seit seiner Geburt in den französischen Salons und englischen Gelehrtenstuben nie mehr gewesen als die Ideologie einer Handel treibenden Klasse, deren Glückskonzept auf materielle Ausdehnung zielte – zulasten der Natur und der hart arbeitenden Menschen.

Es bedarf gewaltiger Anstrengungen, um einen neuen Liberalismus zu entwickeln

Um es kurz und vorsichtig zu sagen: Die letzte verbliebene Ideologie des 20. Jahrhunderts ist ein bisschen im Eimer. Unrettbar? Hoffentlich nicht. Aber so viel ist klar: Es bedarf gewaltiger Anstrengungen, um einen Liberalismus für das 21. Jahrhundert zu entwickeln.

Als merkwürdig, ja gespenstisch unberührt von der globalen Existenzkrise ihrer eigenen Leitideologie erweist sich die deutsche FDP. Auch die Agenda für den am Wochenende stattfindenden Parteitag weist bislang keinerlei Spuren politisch-philosophischer Bewegtheit auf.

Nun wäre es zwar nicht sonderlich klug, aber immerhin legitim, wenn eine Partei sich vor derlei strategischen Herausforderungen wegduckte und sich auf taktische Bordmittel verließe. Schließlich hat das zuletzt ja sehr gut geklappt: Die FDP schaffte, angeführt von ihrem charismatischen Vorsitzenden, die Rückkehr in den Bundestag, kam sogar in die Verlegenheit, sogleich mitregieren zu sollen.

Allerdings lohnt ein zweiter Blick auf diese Erfolgsgeschichte, denn oft tragen ja die Siege von gestern die Niederlagen von morgen bereits in sich – oder die fast elf Prozent bei der Bundestagswahl schon die Gründe für die mageren acht Prozent in den aktuellen Umfragen.

Christian Lindners Erfolgsrezept bestand seinerzeit aus fünf Zutaten: 1. Der harschen Kritik an der großkoalitionären Flüchtlingspolitik. 2. Der Warnung, Deutschland gebe zu viel Geld für die EU aus. 3. Dem Flirt mit einer weicheren Haltung gegenüber Russland. 4. Der Technikeuphorie, kulminierend in dem Spruch "Digital first, Bedenken second". 5. Lindner.

Nichts von alledem funktioniert nun noch: Bei harten Tönen gegenüber Flüchtlingen lässt sich die große Koalition allenfalls noch von der AfD übertreffen; der neue Finanzminister sitzt so fest auf der schwarzen Null, dass niemand die Sorge haben kann, da fließe zu viel Geld in Macrons Ideen; das Thema Russland spaltet nun die FDP selbst; der Bedenken-second-Spruch hat sich angesichts der Skandale bei den Internetgiganten von ganz allein desavouiert. Und Christian Lindner selbst ist vorerst auserzählt.

Das taktische Arsenal der FDP ist derzeit offenbar leer. Erschwerend kommt eine tiefe, um nicht zu sagen archetypische Enttäuschung der FDP-Wähler hinzu. Viele von ihnen sehen ihre einträglichen Berufe und ihre soziale Stellung nicht als ein Privileg an, für das sie dankbar sein müssten, sondern als eine eigene Leistung, deren Ertrag vor dem Staat und "Minderleistern" geschützt werden muss. Dafür wählen sie die FDP, die jedoch regieren müsste, um diesen Schutz auch gewährleisten zu können. Solche Wähler wertschätzen Lindners Jamaika-Nein keineswegs als Ausweis hehrer Prinzipienfestigkeit, für sie stellt es vielmehr die mutwillige Verweigerung einer gewissermaßen vereinbarten Dienstleistung dar.

Die seelische Kränkung der Wähler sowie die fehlenden taktischen Einfälle werfen dann vielleicht doch die Frage auf, ob sich die FDP nicht näher mit der globalen Krise des Liberalismus beschäftigen sollte. Bevor sie von ihr gefressen wird – was schade wäre.

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