Die Welt ist in Unordnung und in Aufruhr begriffen, da wollen wir wenigstens an dieser Stelle für Ordnung sorgen, womit freilich – Naturliebhaber, aufgepasst! – nicht die sogenannte natürliche Ordnung der Dinge gemeint ist. Gärtner wissen, worin diese natürliche Ordnung kulminiert: Brennnesseln und Giersch überwuchern alles. Kann man gewiss auch schön finden, lässt sich jedenfalls leicht erreichen, wäre aber vielleicht etwas faschistisch. Geschichtsphilosophen benutzen dafür den Begriff des Naturzustands, in dem das Recht des Stärkeren gilt. Evolutionsbiologen sprechen von natürlicher Selektion, in ökologischer Hinsicht immer eine bequeme Sache: Wo der Naturzustand herrscht, müssen nicht eigens Wölfe angesiedelt werden, da ist schon jeder Mensch des Menschen Wolf. Aber wie angenehm ist das Walten der Natur wirklich? Als Beispiel sei hier der sogenannte Natursekt angeführt, der ohne Frage natürlich hergestellt wird – aber in Wahrheit gar kein Sekt ist! Vielmehr handelt es sich um jene Flüssigkeit, deren Produktion Donald Trump seinerzeit in russischen Hotelzimmern ankurbeln wollte, gewiss mit beträchtlichem Stundenlohn, aber am Ende auch mit beträchtlichem Rufschaden für ihn selbst. Möchte die amerikanische Nation einen Präsidenten haben, der sich als Sponsor einer postsowjetischen Biotechnologie hervortut? Also Vorsicht vor allen Begriffsbildungen mit dem Bestandteil "Natur". Naturburschen sind meistens Flegel oder wollen es wenigstens sein. Naturliebhaber zerstören Wald und Flur, indem sie mit ihrer Wanderlust alles niedertrampeln, was noch nicht asphaltiert ist. Naturkinder laufen darüber hinaus barfuß mit ungewaschenen Füßen. Naturisten gehen mit der Nacktheit noch einen Schritt weiter und vertrauen auf eine Schönheit des menschlichen Körpers, die sie selbst nicht aufweisen. Müssen wir mehr sagen? Bis in die Mikrostruktur natürlicher Achselbehaarung und natürlicher Fußbetten deutscher Sandalen vordringen? Die einzige uns sympathische Begriffsbildung ist das katholische Naturrecht, das von einer angeborenen Begabung des Menschen zur Erkenntnis des Guten ausgeht. Protestanten glauben dagegen eher an eine angeborene Begabung zur Sünde, was gewiss die weniger sympathische Einstellung ist, aber den höheren Realismus auf seiner Seite hat, unter anderem auch in Bezug auf jene Zeitgenossen, die das Radfahren für die natürlichste Fortbewegungsart der Welt halten und im spielerischen Umgang mit Fußgängern den Naturzustand im Straßenverkehr herstellen. FINIS