Die neue Bankenwelt hat sich in der alten eingenistet. Berlin, Bahnhof Zoo, ein paar Hundert Meter die Hardenbergstraße hinunter, rechter Hand: ein weißer Betonklotz, Baujahr 1952. Viele Jahre hatte hier die Berliner Bank ihren Sitz. Doch der war das 13-stöckige Gebäude zu groß geworden. Und so zog im Herbst ein neuer Mieter ein, Finleap, Deutschlands größter Brutkasten für Finanz-Start-ups. Am Eingang hängt eine blaue Fahne mit dem Firmenlogo, ungefähr 80 mal 160 Zentimeter groß. Bescheiden im Vergleich zu den riesigen gelben "Berliner Bank"-Lettern, die früher mal auf dem Gebäude thronten.

Am Ende einer ruckelnden Aufzugfahrt beginnt das neue Zeitalter. Lichte Großraumbüros mit jungen Leuten darin. Matthias Lange steht für diesen Typus smarter Start-up-Menschen: 34 Jahre, akkurater Scheitel, Dreitagebart, weicher Händedruck. Lange ist Managing Partner von Finleap. Der ehemalige McKinsey-Berater ist einer der jungen Wilden, die momentan die Finanzbranche aufwirbeln. Finleap wurde selbst erst 2014 gegründet, aber der Inkubator hat schon ein Dutzend Finanz-Start-ups aufgebaut. In der Branche werden die Unternehmen Fintechs genannt, eine Abkürzung für Finanztechnologiefirmen. Lange ist es gewohnt, das Geschäftsmodell der Fintechs erklären zu müssen – noch: "In Deutschland sind Fintechs ja erst seit ein paar Jahren am Markt", sagt er. Der Finleap-Manager hat zehn Jahre Praxis in der Bankenberatung, seit 2016 ist er in der Fintech-Branche unterwegs. Mit den Mitteln des Silicon Valley greifen die jungen Firmen nun die etablierten Banken an: Big Data statt Beratergespräch. Finanz-App statt Filiale. Pullover statt Jackett. Laut der Online-Bank Comdirect sind hierzulande in den vergangenen Jahren schon rund 700 dieser Firmen entstanden.

Bislang konzentrierten sich die meisten der bekannten Fintechs auf das sogenannte Retailgeschäft, also auf die Dienstleistungen für die Masse der einfachen Privatkunden. Prominentestes Beispiel ist N26, genau wie Finleap ansässig in Berlin. Die 2013 gegründete Neo-Bank bietet ihren Kunden auf den ersten Blick zwar kaum mehr als eine schicke Mobile-App. Doch die erlaubt es dem Kunden, praktisch alle gängigen Bankgeschäfte bequem vom Smartphone aus zu erledigen. Schon jetzt hat N26 in Deutschland mehr als 500.000 Kunden gewonnen und legt weiter zu. Indes: So eindrucksvoll der Erfolg mancher Fintechs im Retailbereich ist, so schwer taten sich die Start-ups bisher eine Gewichtsklasse höher – im Firmenkundengeschäft. "Genau das wollen wir nun ändern", sagt Matthias Lange. Und darum hat Finleap jüngst sein nächstes Start-up namens Infinitec Solutions gegründet. Zielgruppe: mittelständische Unternehmen. Geschäftsidee: eine Software, die Banken hilft, ihren Firmenkunden bessere Finanzierungsangebote zu machen.

Mit dieser Strategie liegt Finleap im Trend. Denn nach der Digitalisierung der Dienste für die Masse privater Kunden ist nun das Geschäft mit den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) an der Reihe.

Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist Compeon, ein Düsseldorfer Start-up, das sich auf den Vergleich von Finanzierungen für Firmenkunden spezialisiert hat – und über das allein zwischen Januar und März mehr als 100 Millionen Euro vermittelt wurden. Im Grunde wendet Compeon ein ähnliches Prinzip an wie Interhyp bei Baufinanzierungen oder Check24 bei Konsumentenkrediten – und übertragen es auf den Mittelstand. Es tritt dabei also wie ein Makler zwischen den Banken und deren Endkunden auf, was dem einen hilft, das günstigste Angebot zu finden, und dem anderen, den Absatz zu steigern.

"Anders als bei einem Ratenkredit über 5.000 Euro hat der Prozess bei uns allerdings auch eine analoge Komponente, schließlich geht es da teilweise um siebenstellige Summen", sagt Compeon-Geschäftsführer Nico Peters. "Die Kreditanfrage des Mittelständlers erreicht uns zwar in der Regel online. Dann nimmt einer unserer 20 Berater telefonischen Kontakt zum Unternehmen auf, klärt die Details der geplanten Finanzierung – und geht damit dann auf die kooperierenden Banken zu."

Finanztechnologie-Unternehmen (Fintechs) in Deutschland

Finanztechnologieunternehmen (Fintechs) in Deutschland

Quelle: comdirect/Barkow Consulting, Ernst & Young © ZEIT-Grafik

Die Vermittlung klassischer Bankprodukte soll nur der Anfang sein. Inzwischen entstehen auch erste Fintechs, die sich mit einer reinen Scharnierfunktion nicht zufrieden geben. Finiata und Billie, gegründet jeweils erst im vergangenen Jahr, sind solche Start-ups. Sie bieten scheinbar klassisches Factoring, also die Vorfinanzierung von Unternehmen: Die Firmen verkaufen dabei ihre Forderungen – mit einem Abschlag – an einen Factoring-Dienstleister. Das hat zwei Vorteile: Zum einen kommt das Geld umgehend aufs Firmenkonto, auch wenn der Kunde erst später zahlt. Und um das Risiko, dass er sie womöglich ganz schuldig bleibt, kümmert sich dann auch der Forderungs-Käufer.