Richtig ist es natürlich nicht, an dieser Stelle den Namen Gerhard Schröder zu erwähnen. Der sogenannte Altkanzler macht öffentlich derzeit nicht gerade bella figura. Christlich und hübsch wäre es daher, über diesen Herrn den Mantel des taktvollen Schweigens zu breiten.

Der schlechte, rachsüchtige Unchrist in mir allerdings weist darauf hin, dass der Altkanzler in letzter Zeit nachgerade renitent zu einer Beschäftigung mit seiner privaten Person aufgefordert hat. Soll er sie denn haben. Denn schauen Sie: Wenn ein Mann unwissentlich ohne Hose aus dem Hause geht, so bin ich gerne dazu bereit, das freundlich zu überspielen. Weist der Mann mich jedoch stolz und nachdrücklich darauf hin, dass er unterhalb seines Jacketts bloß einen, ähem, "Slip" trägt, so bin ich ebenso gerne dazu bereit, das anzuerkennen und auch meine kritische Meinung kundzutun.

Gerhard Schröder nun hat sich, wie wir ja alle erfahren mussten, neu verliebt. Es ist sehr seltsam mit solchen Geschichten: Man kommt nicht an ihnen vorbei, obwohl man sie aufrichtig gar nicht wissen will, nicht bloß aus absolutem Desinteresse, sondern auch aus einem Schutzbedürfnis der menschlichen Würde insgesamt heraus. Der Boulevard und die Klatschzeitschriften zeigen uns zum Beispiel irgendwelche uralt gewordenen Hauptdarsteller westdeutscher 18-Uhr-Fernsehserien, traurig dreinschauend und händchenhaltend mit ihren jüngeren Frauen, "Klausi ist jetzt oft verwirrt", und man geniert sich einfach sehr.

Man sieht Menschen, die einmal würdevoll, nämlich unbemerkt von der öffentlichen Bühne getreten sind, die man gar nicht mehr oder nur absolut golden in Erinnerung trug, und die müssen nun aus Geltungsbedürfnis oder, das ist wahrscheinlich häufiger der Grund, aus Geldsorgen wieder hinter dem Vorhang der Geschichte hervorkommen und aufsagen, dass sie vor die Hunde gegangen sind. Das ist doch traurig für uns alle.

Solche Geschichten sieht man oft nur aus dem Augenwinkel, was ist das denn da auf dem Titel der Bunten, herrje, und schnell wendet man errötend das Gesicht ab, es ist aber zu spät, denn man denkt leider schon drüber nach. Gerhard, denkt man zum Beispiel, ich hatte schon länger berechtigte Zweifel an deiner Erhabenheit über berechtigte Zweifel, für blöd jedoch, aufmerksamkeitsgierig und vereinsamend hielt ich dich bislang noch nicht, und ich hätte es für uns beide schön gefunden, wenn ich solche Adjektive weiterhin nicht mit dir hätte assoziieren müssen. Nun aber, denn die Geschichte ploppt inzwischen auch schonungslos auf meinen "Timelines" und den hinteren Seiten anderer Medien auf, muss ich erfahren, dass du in der Bunten für die Geschichte "Ja, es ist LIEBE! " zur Verfügung gestanden hast, sehe ich dich mit einer neuen, der fünften oder elften Verlobten, die an dir hochspringt wie ein frecher Hund, während du, überfordert, auch wirklich sehr deutlich älter geworden, in die Kameras lächelst, und frage mich genau das Gleiche wie wahrscheinlich du dich in dem Moment, in dem der Fotograf dir bei der Session wieder genervt "Smile, Gerhard, smile!" zugerufen hat, nämlich, was dich bloß geritten hat, diesen Shit mitzumachen. Ich kenne keine zufriedenstellende Antwort.

Geld wirst du, nachdem du wegen der kargen Kanzlerpension bekanntermaßen bei einigen Unternehmen hattest anheuern müssen, ja vermutlich keines brauchen?

So was in der Art denkt man. Man will sich schütteln und vergessen, wird jedoch gleich wieder heimgesucht von der neuesten Neuigkeit, derzufolge der Altkanzler nun offenbar verklagt wird vom Ex-Mann seiner neuen Verlobten. Vielleicht wäre es, wenn der Altkanzler sich das mit dem Öffentlichmachen seiner neuen amore gespart hätte, nicht zu dieser Klage gekommen. Stattdessen hat er jetzt einen Prozess am Hals. Der Christ in mir hofft aufrichtig, dass es sich trotzdem alles gelohnt hat für ihn.