Gottfried Locher hat sein Ziel erreicht. Er hat der reformierten Kirche ein Gesicht gegeben. Sein eigenes. Makellos ist es, umrahmt von kurzem, schwarzem Haar. Locher ist seit acht Jahren Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK). Er hat sich zu dem gemacht, was ihm bei seiner Kirche immer fehlte: einer Figur, einem Anführer. Locher, 51, verheiratet und Vater dreier Kinder, erfüllt seine Aufgabe gerne in Talar, in Anzug und Krawatte oder einem dunklen Rollkragenpullover. Wenn Locher spricht, tut er das langsam und eindringlich, so, als hielte er permanent eine Predigt.

Im Juni möchte sich Locher von den Abgeordneten der Kantonalkirchen für eine weitere Amtszeit als Präsident des SEK wählen lassen. Einen Gegenkandidaten gibt es bisher nicht.

Viele Reformierte finden es gut, dass Locher ihre Kirche sichtbarer gemacht hat, dass er ihr eine Stimme gibt. Aber Locher ist innerhalb der Kirche auch eine umstrittene Person. Seine Aussagen ecken an, sein Auftreten ist manchen zu hochmütig, sein Machtanspruch zu groß, seine Ausgaben zu hoch. Was steckt hinter der Kritik am Ratspräsidenten?

Locher wollte sich vor der Wahl nicht mit der ZEIT für ein Gespräch treffen. Er ließ Ende April eine Anfrage mit einer Stellungnahme des SEK-Rates, dem Exekutivorgan, beantworten. Verschickt hat sie SEK-Geschäftsleiterin Hella Hoppe. Darin heißt es: Die Abgeordneten "sollen ohne Einflussnahme ihre Entscheidungsfindung durchführen können".

Einer aber wollte nicht schweigen: Philippe Woodtli. Der Pfarrer und Jurist arbeitete während fünf Jahren als SEK-Geschäftsleiter, er ist der Vorgänger von Hella Hoppe. 2016 kam es zum Bruch mit Locher, seinem Chef. Nun hat er entschieden, über seine Erlebnisse zu sprechen. Er tut dies zum ersten Mal öffentlich.

Lochers Lohn sei erhöht worden, und er habe sich ein Ruhegehalt gewünscht

Locher war Woodtlis Wunschpräsident, aber die Begeisterung für seinen Chef hielt nicht lange. Die Zusammenarbeit sei von Auseinandersetzungen geprägt gewesen, sagt Woodtli. Es ging um Kompetenzen, um Spesen, um Geld.

Woodtli, 53, hat mittlerweile eine neue Stelle, er arbeitet nicht mehr für die Kirche. Wenn er über Locher spricht, nennt er ihn noch immer "Godi". So unterschrieb Locher Nachrichten an ihn. Auch den Brief, den er ihm zum Abschied gab. "Du hast dazu beigetragen, dass wir mit begrenzten Mitteln viel erreichen konnten", steht darin. "Dafür danke ich dir sehr." Und als Gruß: "Alles Gute! Godi".

Woodtli erinnert sich genau an jenen Mittwoch im Februar 2016, als Locher ihm die Kündigung überreichte. Die Begründung: Der Rat habe das Vertrauen in ihn verloren. Woodtli war überrascht. Er habe Locher und Daniel Reuter, ein Mitglied des Rates, der ebenfalls anwesend gewesen sei, darauf aufmerksam gemacht, dass es für seine Entlassung einen Antrag des Ausschusses "Personal und Finanzen" brauche. Woodtli gehörte diesem Ausschuss mit beratender Stimme an. Deshalb habe er gewusst, dass es keinen solchen Antrag gegeben habe. "Ich sagte, dass ich die Kündigung nur quittieren werde, wenn wir einen Aufhebungsvertrag vereinbaren und ich dessen Inhalt kenne." Locher und Reuter handelten mit Woodtli einen Deal aus: eine Freistellung bis Ende August bei vollem Lohn und eine Entschädigung von drei Monatslöhnen plus den entsprechenden Anteil des 13. Monatslohnes.

Gottfried Locher hat keine schriftlichen Fragen der ZEIT beantwortet. An seiner Stelle tat das Daniel Reuter, heute Vizepräsident des Rates. Er verweist darauf, dass das Arbeitsverhältnis mit Woodtli in gegenseitigem Einverständnis aufgelöst worden sei, zu den konkreten Modalitäten äußert er sich nicht.

Zum Zeitpunkt seines Abgangs verdiente Philippe Woodtli rund 175.000 Franken im Jahr. Sein Einstiegslohn lag bei 160.000 Franken. Er war nicht der Einzige, der von einer Lohnerhöhung profitierte. Auch Lochers Lohn sei in dieser Zeit von rund 180.000 auf 220.000 Franken gestiegen, sagt Woodtli. "Ich habe ihn Ende 2015 darauf aufmerksam gemacht, dass die Spitze des Kirchenbundes spätestens mit der neuen Amtsperiode ab 2019 gemessen an Standards für Non-Profit-Organisationen zu teuer sei."

Daniel Reuter schreibt: "Die Entlöhnungen der SEK-Mitarbeitenden, und damit auch des Präsidenten, bewegen sich in den Lohnbändern, die von der Firma Cepec für den Standort Bern berechnet wurden."