Sebastian Freckes Arbeitsplatz ist ein symbolischer Ort. Der 32-Jährige ist beim Handball Sport Verein Hamburg zuständig für Sponsoring und Marketing. Wenn er morgens zur Arbeit fährt, blickt er auf das Volksparkstadion. Sein Büro liegt nur wenige Schritte entfernt. Es ist ein kleiner Kasten im Schatten einer gigantischen Arena. Aber während die Fußballer gegen den Abstieg kämpfen, organisiert Frecke den Aufstieg.

Die Gefühlslagen könnten kaum gegensätzlicher sein: Die Fußballer fürchten, in der zweiten Liga zu versumpfen. Die Handballer können die zweite Liga kaum erwarten. Das eine wäre ein Trauerspiel, das andere ist eine glänzende Erfolgsgeschichte.

Seit sein Verein drei Spiele vor Saisonende in die zweite Bundesliga aufgestiegen ist, kann sich Sebastian Frecke vor Terminen kaum retten. Freckes Job ist gerade recht angenehm: Er muss gar keine Akquise betreiben, die Sponsoren kommen von allein zu ihm. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass die HSV-Handballer einen beispiellosen Aufstieg geschafft haben, gegen alle Konventionen.

An einem Mittwochnachmittag Ende April empfängt Sebastian Frecke in einem Konferenzraum im Souterrain der Geschäftsstelle. Das einzige Fenster verbindet ihn mit der Trainingshalle, in der die Mannschaft gerade Fußball spielt, kurioserweise für Handballer eine Belohnung. Trainer Torsten Jansen lässt jetzt, kurz vor der Sommerpause, keine neuen Spielzüge mehr einstudieren. Bei den letzten beiden Heimspielen in der ausverkauften Alsterdorfer Sporthalle werden sie sich von den über 3.500 Zuschauern feiern lassen. Im Mittelblock werden sie ein bisschen weniger hart verteidigen, sich im Angriff mal zu einem Trickwurf hinreißen lassen. Und die Spieler, die nächste Saison nicht mehr dabei sind, bekommen nach dem Match ein gerahmtes Erinnerungsfoto in die Hand gedrückt.

Für Frecke hingegen werden die beiden Heimspiele die stressigsten der Saison. Etwa 300 VIP-Gäste werden da sein, so viele wie nie. Alle wollen teilhaben am Erfolg der Handballer. Erstmals wird die Basketballhalle hinter einer der Tribünen hergerichtet, mit Lichtern, Tischen und Musikboxen. Und Frecke wird viele Hände schütteln und oft erzählen, wie es so weit gekommen ist.

Wie haben sie das geschafft beim HSV, dass Hunderte VIP-Gäste zu einem Drittligaspiel kommen? Andere Vereine dieser Klasse schaffen es kaum, so viele reguläre Zuschauer anzuziehen.

Am Sport allein kann es nicht liegen. Sicher: Der HSV Hamburg spielt begeisternd. Das Team besteht aus jungen, talentierten Spielern, aber es ist immer noch meilenweit vom Niveau entfernt, das Spitzenmannschaften wie die Rhein-Neckar Löwen oder Hannover in der ersten Liga zeigen.

Es ist eher die Erzählung, die hinter der Mannschaft steht, die all diese solventen Zuschauer anlockt, eine Erzählung, die ganz oben beginnt.

Es ist nicht lange her, da hat der HSV alles gewonnen, was es zu gewinnen gab: die Meisterschaft, den DHB-Pokal, die Championsleague. Es war die ganz große Bühne. Die Heimspiele in der Barclaycard-Arena: eine einzige Handballshow. Jetzt spielt die Mannschaft in einer schmucklosen Halle, die eher an Schul- als an Profisport erinnert. Wie kann man sich da auf die Zweitklassigkeit freuen? Warum sorgt die Aussicht auf Duelle mit den Rimparer Wölfen oder dem TV Emstetten für Euphorie?