DIE ZEIT: Herr Hein, kommen Sie hier in Ihrer Arztpraxis auf literarische Ideen?

Jakob Hein: Nein, ich schreibe zu Hause. Meine Patienten sind meine Patienten, und meine literarischen Helden sind meine literarischen Helden.

ZEIT: Aber lassen sich die beiden Bereiche wirklich so glatt auseinanderhalten? Es fällt doch auf, wie viele wichtige Schriftsteller Mediziner waren – von Schiller über Georg Büchner bis Gottfried Benn.

Hein: Es ist für beide Berufe hilfreich, wenn man sich für Menschen und ihre Geschichte interessiert. Und in beiden Fällen beschäftigt man sich mit allen Facetten des menschlichen Lebens. Man kann nicht sagen: Ich habe eine bestimmte Dienstvorschrift, und daran halte ich mich.

ZEIT: Was lernen Sie als Arzt aus der Literatur?

Hein: Dass es im Leben immer um die Verkettung von Vergangenheit und Zukunft geht. Nimmt der Held im Buch als Nächstes den Zug oder den Bus, wird er gehen oder bleiben? Meine Patienten kommen oft mit ihrer Vergangenheit zu mir. Als Arzt arbeite ich immer an ihrer bestmöglichen Zukunft, der Autor darf es auch mal schlimm enden lassen.

ZEIT: Sollten Romane auf den Ausbildungsplänen der Mediziner stehen?

Hein: In den letzten zehn Jahren hat man sich bemüht, in diese Richtung zu denken. Man versucht nun, den Studierenden beizubringen, wie man Gespräche führt, schlechte Nachrichten überbringt, wie man generell lernt, nicht nur die Symptome des Patienten wahrzunehmen, sondern ihn in seinem Lebensumfeld zu betrachten, was natürlich die Literatur mit ihren Helden schon immer getan hat.

ZEIT: Welche Bücher würden Sie Studierenden empfehlen?

Hein: Ich bin ein riesiger Fan von Alfred Döblin, ich wüsste nicht so schnell, welcher Roman Berlin Alexanderplatz das Wasser reichen kann. Döblin war Nervenarzt. Man merkt dem Werk an, dass er die Armut und das Elend wirklich kannte. Er wusste, wie es bei den armen Leuten riecht und aussieht.

ZEIT: Es gibt die Vorstellung, dass Mediziner beim Schreiben besonders kühl vorgehen, eher kalt sezieren als beschreiben.

Hein: Da ist was dran. Meine Bücher sind oft recht kurz. Vielleicht aufgrund meines medizinischen Blicks. Nichts Schwülstiges, kein Gelaber, nicht selbstreflexiv ergründen, was man gefühlt hat, während man dieses oder jenes schrieb. Sondern präzise die Fakten und Zusammenhänge darstellen.

ZEIT: Wie in Ihrem neuen Buch Die Orient-Mission des Leutnant Stern. Es geht um die Dschihadpläne des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg, um Antisemitismus, um den Völkermord an den Armeniern. Sie schicken Ihre Protagonisten quer durch Europa, rund ums Mittelmeer, und das auf kaum mehr als 200 Seiten.

Hein: So schreibt man auch Arztbriefe: nur die Sachen erzählen, die wichtig sind. Der weiterbehandelnde Arzt kann sich dann gut seine eigene Meinung bilden. Literarisch gesehen will ich mit diesem Schreibverfahren Assoziationsräume für den Leser öffnen. Die Verbindung von deutschen Dschihadplänen und dem Völkermord an den Armeniern kommt bei mir nur kurz zur Sprache; wer mehr wissen will, kann im Internet nachschauen.