Zwischen San Fernando auf der Karibikinsel Trinidad und Salzburg liegen knapp 8000 Kilometer Luftlinie, jede Menge scheußliche Visa-Formalitäten, Mut, Fleiß, Talent, ein Bananenröckchen und eine der herzflutendsten Sopranstimmen der Gegenwart. Diese Stimme gehört Jeanine De Bique, 1982 in San Fernando geboren, ausgebildet an der Manhattan School of Music in New York, eine Person, über die man auf Anhieb sagen möchte: cool, sportlich, gut aussehend. Und ehrgeizig und sehr lustig auch. Die Melancholie, aus der sie künstlerisch schöpft (und die ihr vieles nicht leichter macht), erkennt man erst später.

Wenn De Bique singt, dann tanzt ihr ganzes Gesicht, die Augen, die Brauen, die feinen Stirnfalten und Schläfen. Weil Singen eben aus so viel mehr besteht als aus wohlerzogenen Tönen. Wenn sie singt, eine Händel-Arie oder das Kyrie aus Mozarts Großer Messe in c-Moll, dann schmiegen sich ihre Koloraturen wie Rosenöl und Champagner in die Gehörgänge des Publikums. Himmlisch sinnlich fühlt sich das an – und ist doch nur eine Metapher: für De Biques lupenreine Technik, ihre unbändige Musikalität und Ausdruckskraft und -lust.

Vergangenen Sommer hat Jeanine De Bique bei den Salzburger Festspielen in Mozarts La clemenza di Tito gesungen. Die Oper handelt – folgt man der Lesart des Regisseurs Peter Sellars – vom Recht des Menschen, für sich selbst zu sprechen. Das Herrscherprinzip in Gestalt des römischen Kaisers Titus, der trotz Verrats Gnade walten lässt und dafür gefeiert wird, hat ausgedient, weswegen Titus bei Sellars am Ende stirbt (nicht so bei Mozart 1791). Übrig bleibt der einzelne Mensch und soll fortan mündig sein. De Bique sang Annio, den Freund des Verräters, eine Hosenrolle, und wie tief sie einen in die zerrissene Seele des jungen Mannes blicken ließ, zwischen Intrigen, Treueschwüren und erotischem Begehren, das berührte. Die 36-Jährige zieht die Aufmerksamkeit auf sich, selbst wenn sie nichts zu singen hat und nur herumlungert. Es gibt solche Künstlerinnenpersönlichkeiten.

Nach Hautfarbe oder Rasse zu besetzen gilt als anrüchig

Ein Ereignis war ihr Salzburger Engagement auch, weil Jeanine De Bique schwarz ist. Und weil sie sich die Bühne mit drei weiteren "singers of color" teilte, dem Amerikaner Russell Thomas in der Titelpartie, dem gebürtigen Jamaikaner Willard White und der Südafrikanerin Golda Schultz. Das gab es nicht nur in Salzburg noch nie, wo Publikum, Festspielleitung und Bevölkerung gefühlt zu 99,99 Prozent weiß sind – das gab es in der europäischen Theaterlandschaft überhaupt noch nie, jedenfalls nicht beabsichtigt. Der Besetzungszettel einer Mozart-Oper als ethnisches Statement, als Musterbeispiel für gesellschaftliche Diversität? Davon und vom Rassismus einer Branche, die nicht überleben wird, wenn sie sich weiter der Illusion hingibt, aus sich selbst heraus divers, tolerant und rein qualitätsorientiert vorzugehen, erzählt diese Geschichte.

"Annio ist die einzige Partie, für die ich vorgesungen habe und bei der ich wusste, dass die Farbe meiner Haut in der Besetzung eine Rolle spielen würde", sagt Jeanine De Bique und sieht ein bisschen unglücklich aus. St. Gallen im November, wir trinken die beste heiße Schoggi der Stadt und reden, drei Stunden lang. Am Abend zuvor hat sie Musette in Puccinis La bohème gesungen, eine Produktion, die sie aus Glasgow kannte und in der sie eine Art Josephine-Baker-Verschnitt mimt, Porzellan-Leopard und Bananen-Tanz inklusive. Ist das nicht indirekt rassistisch? De Bique grinst: "Ist es nicht ein Zitat?"

Im fernen Hollywood nimmt gerade die #MeToo-Bewegung Fahrt auf. Die Unterdrückung Abhängiger kennt viele Gesichter und letztlich doch immer das gleiche, ob es sich um Frauen, Schwarze, Ausländer, Homosexuelle oder den Nachbarn im zweiten Stock handelt. 17 Vorstellungen wird Jeanine De Bique bis Anfang März in St. Gallen singen, dazwischen besucht sie ihren italienischen Freund, sieht Jungfrau, Mönch und Eiger, fährt Schlitten, studiert neue Partien. Das Leben in der Theaterprovinz kann lähmend sein, aber es beschützt auch. Apropos: Müsste eine Sängerin wie sie auf der Karriereleiter nicht etliche Sprossen weiter oben stehen?

Recherchiert man in der Branche, warum es so wenige nicht weiße Musiker bis ganz nach oben schaffen und geschafft haben, bekommt man, grob gesprochen, zwei Antworten: eine kulturelle und eine selbstreflexive. Aus beiden folgt nicht viel. Das kulturelle Argument besagt, vertreten etwa durch die Münchner Gesangsprofessorin Michelle Breedt, eine weiße Südafrikanerin: Klassische Musik gilt als eurozentristische Errungenschaft, und wo diese Tradition fehlt, fehlen auch Bildungs- und Ausbildungsangebote und der Nachwuchs. "Heute tummeln sich auf dem internationalen Markt so viele südafrikanische Talente wie nie", sagt Breedt. "Im Land selbst aber herrscht 25 Jahre nach der Apartheid mehr Armut denn je. Angesichts der sozialen Probleme wirken Diskussionen über die Daseinsberechtigung von Kunst oft absurd."

Auch die Zürcher Operndirektorin Sophie de Lint betont, dass man an kulturellen clashs arbeiten könne und nicht die Herkunft eines Künstlers der Knackpunkt sei, sondern die Ausbildung: "Wir casten nicht nach Hautfarbe oder Rasse. Das fände ich inakzeptabel."