Frage: Herr Spahn, sind Sie gerne katholisch?

Jens Spahn: (überlegt lange) Wenn Sie mich so fragen: Ja.

Frage: Sie haben gezögert. Warum?

Spahn: Weil katholisch sein für mich etwas Selbstverständliches ist. Wo ich herkomme, da fragt keiner, ob man gerne Katholik ist. Man ist es.

Frage: Es gibt noch Orte, wo es elbstverständlich ist, katholisch zu sein?

Spahn: Kommen Sie mal ins Münsterland, nach Ahaus, Ortsteil Ottenstein. Da bin ich aufgewachsen. Mein Elternhaus ist gerade mal 80 Meter von der Dorfkirche entfernt. In Ottenstein lebt sie noch, die Volkskirche, und ich bin eines ihrer Kinder. Jeder und alles ist katholisch dort: meine Eltern, die Nachbarn, der Kindergarten, die Grundschule, das Gymnasium in der Stadt, die Vereine, die Jugendfreizeiten, das Schützenfest. Und sonntags stand ich als Junge selbstverständlich am Altar und habe ministriert.

Frage: Klingt nach katholischem Idyll.

Spahn: Für mich war es das auch. Für mich ist das Heimat, Geborgenheit, Sicherheit und Gelassenheit.

Frage: Warum "war"?

Spahn: Weil auch an Ottenstein die Zeit nicht spurlos vorübergeht. Wir haben leider keinen eigenen Pfarrer mehr im Dorf. Vor 20 Jahren war es ganz normal, dass jedes Dorf einen Priester hatte. Priester, Apotheker, Lehrer, Arzt und Bürgermeister bildeten das Rückgrat der Gemeinde. Nun werden überall Kirchengemeinden fusioniert, weil es an Priestern fehlt. Dadurch ist die Kirche weniger präsent geworden. So manches seelsorgerische Gespräch, das früher im Beichtstuhl stattfand, fehlt.

Frage: Und trotzdem sind Sie gerne katholisch?

Spahn: Aber ja. Auch wenn mich die verwaisten Kirchen traurig machen. Es heißt ja oft, die Abschaffung des Zölibats wäre die Lösung. Dann seien die Kirchen und die Priesterseminare voll. Das glaube ich nicht. Unabhängig von Zölibat und Kirche ist es in der gesamten Gesellschaft schwerer geworden mit der Berufung. Als Gesundheitsminister begegnet mir das Thema auch beim Ärzte- oder Apothekermangel auf dem Land. Als Dorfarzt, Dorfapotheker oder Dorfpriester sind Sie eigentlich immer im Dienst. Die Tür steht immer offen. Die Menschen klingeln einfach, wenn was ist. Das muss man wollen.

Frage: Und das wollen heute immer weniger?

Spahn: Sagen wir so: Wer sonntags freihaben will, wird nicht Priester.

Frage: Oder Gesundheitsminister.

Spahn: Natürlich sollte man sich auch zur Politik berufen fühlen. Ich persönlich habe schon damals als Messdiener gelernt, öffentliche Aufmerksamkeit als Teil meines Lebens anzunehmen. Als Messdiener lernt man, Verantwortung zu übernehmen. Und die ganze Gemeinde schaut im Gottesdienst genau hin, was da vorne passiert.

Frage: Zum Berufungsprofil des Messdieners gehört es aber auch, demütig zu sein und gehorsam. Wie schwer fällt Ihnen das?

Spahn: So schwer wie jedem. Nur dass ein Messdiener auch früh lernt, Ordnungen zu respektieren.

Frage: Und wie sehr gehorchen Sie heute kirchlichen Dogmen und Autoritäten?

Spahn: Ich orientiere mich an Ritual und Tradition. Sie geben meinem Leben Struktur und Halt.

Frage: Der Katholik ist aber gehalten, auch das Dogma zu akzeptieren und zu leben. Lesen Sie den Katechismus?

Spahn: Selten.

Frage: Da heißt es: "Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen."

Spahn: Als schwuler Mann wie als Katholik kann ich mit diesem Teil der Lehre wenig anfangen. Sehr genau habe ich dafür hingehört, als Papst Franziskus seine Kirche aufforderte, Homosexuelle um Vergebung zu bitten. "Wenn jemand homosexuell ist, Gott sucht und guten Willens ist", sagt Franziskus, "wer bin ich, über ihn zu richten?"

Frage: Aber auch Franziskus hat nie bezweifelt, dass gelebte Homosexualität nach katholischer Lehre Sünde ist. Wie können Sie gerne katholisch sein, wenn Ihre Kirche Sie nicht akzeptiert, wie Sie sind?

Spahn: Indem ich Letzteres eben gerade nicht akzeptiere. Man kann nicht einerseits von Wertschätzung sprechen und um Vergebung bitten und andererseits sagen: "Sorry, Sünde bleibt es doch. Bereut!" Da gibt es nichts zu bereuen. Ich habe mir meine Homosexualität schließlich nicht ausgesucht. Und sie schadet auch niemandem. Meinem Mann und mir geht es gut.

Frage: Warum sind Sie trotzdem gern katholisch?

Spahn: Weil ich überzeugt bin, dass Gott mich so nimmt, wie ich bin. Weil mein Glaube so selbstverständlich zu mir gehört wie mein Schwulsein.

Frage: Sie tragen einen Ehering. Wie sehr schmerzt es Sie, dass Ihre Kirche, anders als die evangelische, gegen die Einführung der Ehe für alle war?

Spahn: Ich nehme zur Kenntnis, dass die katholischen Bischöfe aus ihrem Selbstverständnis heraus in diesem Punkt anderer Meinung sind als ich. Es bereitet mir allerdings keine schlaflosen Nächte.